Öland: Die Ostseeinsel der Bockwindmühlen
Wer von Kalmar aus über die Ölandbrücke fährt, sieht sie schon nach wenigen Minuten: kleine, wettergraue Holztürme, die einzeln auf Weiden stehen, sich an Dorfstraßen aufreihen oder mit festgesetzten Flügeln auf den Kalksteinrücken thronen. Öland, Schwedens zweitgrößte Insel, ist ein langer, schmaler Landstreifen in der Ostsee, und doch haben sich hier rund 350 historische Windmühlen erhalten, eine der dichtesten Mühlenlandschaften der Welt. Mitte des 19. Jahrhunderts waren es sogar an die 2.000. Kaum irgendwo lässt sich besser erzählen, wie Wind, Kalkstein und bäuerlicher Stolz gemeinsam eine ganze Kulturlandschaft geformt haben.
Kalkstein, Wind und Weite
Öland erstreckt sich weit über hundert Kilometer entlang der schwedischen Südostküste, ist aber über weite Strecken nur wenige Kilometer breit. Das Rückgrat der Insel bildet eine Kalksteinplatte, die im Süden als Stora Alvaret offen zutage tritt: eine fast baumlose Heidelandschaft mit dünnen Böden, Wacholder und seltenen Blumen. Nennenswerte Flüsse gibt es auf der Insel nicht, und damit fiel die Wasserkraft, die auf dem schwedischen Festland unzählige Mühlen antrieb, von vornherein aus. Was Öland stattdessen im Überfluss besaß, war Wind. Mit offener See auf beiden Seiten und kaum Wald, der die Luftströmung bremsen könnte, streicht an vielen Tagen des Jahres eine stetige Brise über die Höhenrücken. Auf den fruchtbaren Küstenstreifen beiderseits des Alvars gedieh das Getreide gut, und Getreide muss gemahlen werden. Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Wer auf Öland Mehl wollte, schaute nicht auf fließendes Wasser, sondern in den Himmel. Die Bauern der Insel zogen diese Schlussfolgerung tausendfach.
Warum ausgerechnet Öland?
Das Besondere an Ölands Mühlenlandschaft ist nicht allein die schiere Zahl, sondern die Logik dahinter. In vielen Teilen Europas war das Mahlen ein privilegiertes Gewerbe: Ein konzessionierter Müller mahlte das Korn eines ganzen Bezirks, oft in einer einzigen großen Mühle im Besitz eines Grundherrn oder der Krone. Auf Öland lief es anders. Hier wurde die Windmühle gewissermaßen zum gewöhnlichen landwirtschaftlichen Gerät. Im 18. und 19. Jahrhundert, als Agrarreformen die schwedische Landwirtschaft umgestalteten und die Getreidewirtschaft erstarkte, wurde es üblich, dass jeder Hof seine eigene kleine Mühle errichtete. Ein Hof ohne Mühle galt als unvollständig, und die Mühle wurde zum Statussymbol: Eine gepflegte Mühle auf einer weithin sichtbaren Anhöhe signalisierte Nachbarn und Reisenden, dass der Hof solide wirtschaftete. Weil die typische Öland-Mühle klein und vergleichsweise günstig zu bauen war, konnten sich auch einfache Bauern dieses Ideal leisten, nicht nur die Wohlhabenden. Manche Dörfer zählten Dutzende Mühlen, und auf dem Höhepunkt dieser Tradition, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, standen auf der Insel insgesamt wohl an die 2.000.
Die Stubbenmühle im Detail
Die allermeisten erhaltenen Mühlen Ölands sind Bockwindmühlen, auf Schwedisch stubbkvarnar genannt. Das Prinzip ist von bestechender Einfachheit: Der gesamte hölzerne Mühlenkörper samt Mahlwerk balanciert auf einem einzigen mächtigen senkrechten Pfosten, traditionell aus Eiche, der am Fuß durch Kreuzhölzer abgestrebt ist und häufig auf einem niedrigen Fundament aus örtlichem Kalkstein ruht. Dreht der Wind, verstellt der Müller nicht etwa eine Haube oder eine Windrose, sondern das ganze Gebäude: Mit einem langen Steert hebelt er die Mühle herum, bis die Flügel wieder voll im Wind stehen. Im Inneren ist die Mechanik bescheiden, meist treibt sie nur ein einziges Mahlsteinpaar an, genug für den Bedarf eines Hofes und seiner Tiere, nicht für den Markt einer Stadt. Verkleidet sind die Mühlenkörper mit Kiefernbrettern, mal dunkel geteert, mal dem Wetter überlassen, bis sie jenes Silbergrau annehmen, das heute die Farbpalette der Insel prägt. Die Bauweise hatte zudem einen Vorteil, der perfekt zur öländischen Hofmühlen-Kultur passte: Eine Bockwindmühle ist klein genug, um versetzt zu werden. Mühlen wurden gekauft, verkauft, vererbt und zwischen Höfen und Dörfern umgesetzt, und von vielen heute noch stehenden Exemplaren weiß man, dass sie ihr Arbeitsleben an mehr als einem Standort verbracht haben.
Mühlenreihen: Lerkaka und Störlinge
Auch wenn jede Mühle in der Regel zu einem einzelnen Hof gehörte, standen die Mühlen selbst oft beieinander. Die Dörfer platzierten sie auf gemeinsamem, windgünstigem Grund, auf Rücken und Straßenböschungen, wo die Brise ungehindert strich. So entstand die kvarnrad, die Mühlenreihe, bis heute das unverwechselbarste Markenzeichen der Insel. Die bekannteste steht bei Lerkaka an der Ostküste: fünf Bockwindmühlen in sauberer Linie direkt an der Straße, eines der meistfotografierten Motive der Provinz. Weiter nördlich an derselben Küste besitzt Störlinge eine Reihe von sieben Mühlen, die oft als die längste erhaltene Mühlenreihe der Insel beschrieben wird. Wer davor steht, kann sich mühelos ausmalen, wie die Landschaft aussah, als solche Reihen die Regel waren und ein Reisender auf der Küstenstraße kaum je drehende Flügel aus den Augen verlor. Die Reihen verraten zugleich etwas über die Dorfgesellschaft: Das Mahlen war Privatsache, aber der Wind war Allgemeingut, und den besten teilte man sich.
Der Riese von Sandvik
Nicht jede Mühle auf Öland war eine bäuerliche Bockwindmühle. Eine kleine Zahl von Holländermühlen, bei denen sich nur die Kappe dreht, während der hohe Turm feststeht, wurde für das Mahlen im gewerblichen Maßstab errichtet. Die berühmteste steht in Sandvik an der Nordwestküste: ein achtgeschossiger Gigant, der zu den größten Windmühlen Nordeuropas zählt. Erbaut um die Mitte des 19. Jahrhunderts und der örtlichen Überlieferung nach zunächst auf dem schwedischen Festland errichtet, ehe man sie zerlegte und in Sandvik wieder aufbaute, arbeitete sie als industrielle Mehlmühle in einer Größenordnung, die keine stubbkvarn je erreichen konnte, und bediente Kunden weit über ein einzelnes Dorf hinaus. Ihr späteres Leben verlief sanfter: In dem mächtigen Turm ist seit Langem ein Restaurant untergebracht, und er gehört zu den Wahrzeichen Nordölands, weit über den Kalmarsund hinaus sichtbar. Der Kontrast zwischen Sandviks Wucht und den niedrigen Türen der Bockwindmühlen erzählt die ganze Wirtschaftsgeschichte der Windkraft auf der Insel in einem einzigen Blick.
Niedergang, Rettung und Teerpinsel
Das Arbeitsleben der Mühlen endete, wie fast überall: Dampfkraft, dann Elektrizität und industrielle Walzenmühlen, die feineres Mehl schneller und billiger mahlten als jedes windgetriebene Steinpaar. Öland traf es doppelt hart, denn dieselben Jahrzehnte brachten Not und Massenauswanderung; ein erheblicher Teil der Inselbevölkerung ging im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Amerika. Höfe wurden aufgegeben, und Mühlen, die ihren Unterhalt nicht mehr einspielten, wurden abgerissen, als Bauholz verkauft oder schlicht dem Verfall überlassen. Dass rund 350 überlebt haben, ist kein Zufall. Schon früh im 20. Jahrhundert begannen die örtlichen Heimatvereine, die hembygdsföreningar, gemeinsam mit einzelnen Eigentümern, die Mühlen zu reparieren, zu teeren und neu zu verschalen, sie also als Denkmäler statt als Maschinen zu behandeln. Diese Arbeit endet nie: Holzmühlen im Seeklima verlangen ständige Pflege, neue Flügelruten, frischen Teer, dichte Schindeln. Die Mühlen gehören zudem zu einer größeren geschützten Landschaft, denn die seit der Vorzeit ununterbrochen bewirtschaftete Agrarlandschaft Südölands wurde im Jahr 2000 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, und die Mühlen sind Teil derselben langen Geschichte von Menschen, die dieser kargen, großzügigen Insel ihren Ertrag abringen.
Mühlen erleben: unterwegs auf der Insel
Am schönsten begegnet man Ölands Mühlen langsam, mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf den kleineren Straßen entlang der Küsten, wo alle paar Kilometer eine Mühle wie ein Satzzeichen auftaucht. Die meisten stehen auf privatem oder dörflichem Grund und werden von außen betrachtet; einige öffnen die Heimatvereine im Sommer, und die Reihen von Lerkaka und Störlinge sind mit ihren Mühlen direkt am Straßenrand natürliche Haltepunkte geworden. Wer mag, verbindet die Mühlen mit den anderen Gesichtern der Insel: den vogelreichen Ufern, dem Alvar zur Orchideenblüte, der Schlossruine über Borgholm. Überall lohnt der Blick fürs Detail, von den abgenutzten Eichenpfosten bis zu den Initialen und Jahreszahlen, die Besitzer in Balken und Türrahmen geschnitten haben.
Auf der Karte
Ölands Mühlen versteht man am besten als Konstellation, nicht als Einzeldenkmäler, und eine Karte macht das auf einen Blick deutlich. Wir haben dokumentierte Windmühlen auf Öland und weit darüber hinaus auf unserer interaktiven Karte versammelt (map): Dort lassen sich die Mühlenreihen an der Ostküste nachverfolgen, der Riese von Sandvik an der Nordwestküste finden und eigene Routen planen. Zoomen Sie auf die Insel und beobachten Sie, wie sich die Punkte drängen, vergleichen Sie das Bild mit einer beliebigen anderen Region Europas, und Sie sehen sofort, warum diese kleine Ostseeinsel ihren Ruf verdient hat.