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Die Zwillingsmühlen von Greetsiel: Ein Doppelporträt aus Ostfriesland

Es gibt Fotomotive, die so oft abgelichtet wurden, dass man glaubt, sie längst zu kennen. Die Zwillingsmühlen von Greetsiel gehören dazu: zwei Galerieholländer dicht beieinander am Ortseingang, die eine grün gestrichen, die andere in warmem Rot gehalten, dahinter der weite ostfriesische Himmel. Doch wer nur kurz für ein Foto anhält, verpasst das Eigentliche. Denn die beiden Mühlen sind keine echten Zwillinge, sondern ein ungleiches Paar mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen, und gerade das macht sie zu einem lohnenden Ziel für alle, die sich für Mühlen mehr als nur postkartentief interessieren.

Greetsiel und die Krummhörn

Greetsiel liegt in der Gemeinde Krummhörn im Landkreis Aurich, ganz im Nordwesten Niedersachsens, direkt an der Leybucht. Das Fischerdorf wurde bereits im vierzehnten Jahrhundert urkundlich erwähnt und war einst Sitz der Häuptlingsfamilie Cirksena, die später zu Grafen von Ostfriesland aufstieg. Bis heute prägen der Kutterhafen mit seinen Krabbenkuttern und die alten Giebelhäuser das Ortsbild, und bis heute lebt Greetsiel vom Wechselspiel aus Fischerei, Landwirtschaft und Fremdenverkehr. Die Landschaft ringsum ist Marsch: flaches, fruchtbares, dem Meer abgerungenes Land, durchzogen von Entwässerungsgräben und geschützt von Deichen. In dieser Ebene gab es über Jahrhunderte nur eine einzige verlässliche Kraftquelle, und das war der Wind. Wer verstehen will, warum ausgerechnet hier zwei stattliche Mühlen nebeneinander stehen, muss nur einmal bei steifer Brise auf dem Deich gestanden haben.

Was ein Galerieholländer eigentlich ist

Beide Greetsieler Mühlen sind Galerieholländer, also Holländerwindmühlen mit einer umlaufenden Galerie. Der Mühlentyp kam, wie der Name verrät, aus den Niederlanden und verbreitete sich in den norddeutschen Küstenregionen, weil er ein handfestes Problem löste: In Dorfnähe wird der Wind in Bodennähe von Häusern und Bäumen gestört. Also baute man den Mühlenkörper auf einen hohen Unterbau und hob die Flügel in die ungestörte Strömung. Damit der Müller die Flügel trotzdem bedienen konnte, um Segel aufzuspannen oder zu reffen, erhielt die Mühle in halber Höhe einen hölzernen Rundgang, eben die Galerie. Von dort aus ließ sich auch die drehbare Kappe in den Wind stellen. Über der Galerie verjüngt sich der achteckige Rumpf nach oben, ganz oben sitzt die Kappe mit Flügelkreuz und Flügelwelle. Im Inneren übertrug ein Getriebe aus Holz und Eisen die Drehung der Flügel auf die Mahlgänge, in denen das Getreide der umliegenden Marschhöfe zu Mehl und Schrot vermahlen wurde.

Ein ungleiches Paar

So ähnlich sich die beiden Mühlen auf den ersten Blick sehen, so verschieden sind ihre Geschichten. Die ältere der beiden stammt aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert und zählt damit zu den betagten Windmühlen der Region. Ihre Nachbarin ist deutlich jünger: Auch an dieser Stelle hatte lange eine Mühle gestanden, doch sie ging im neunzehnten Jahrhundert verloren, und der heutige Bau ist ihr Ersatz, errichtet im Stil seiner Entstehungszeit. Wer genau hinschaut, entdeckt darum viele Unterschiede zwischen den vermeintlichen Zwillingen: in der Farbgebung ohnehin, aber auch in Bauweise und Ausstattung. Beide arbeiteten als Kornwindmühlen für die Bauern der Krummhörn und blieben bis weit ins zwanzigste Jahrhundert in Betrieb, ehe das gewerbliche Mahlen endete und die Zeit als Baudenkmal begann. Dass gleich zwei große Mühlen so dicht beieinander wirtschaften konnten, sagt viel über die Kornkammer Marsch: Es gab schlicht genug zu mahlen für beide.

Der Alltag am Wind

Der Betrieb eines Galerieholländers war ein Beruf für wache Augen und schnelle Beine. Der Wind bestimmte den Arbeitstag: Frischte er auf, mussten die Segel gerefft werden, damit das Flügelkreuz nicht durchging; flaute er ab, wurde Tuch nachgespannt, um die Mahlgänge in Schwung zu halten. Drehte der Wind, war die Kappe nachzuführen, sonst stand die Mühle im schlimmsten Fall rückwärts im Wind, was Kappe und Flügel gefährden konnte. Dazu kamen das ständige Horchen auf das Laufgeräusch der Steine, das Nachstellen des Mahlspalts, das Schärfen der Mahlflächen, der Umgang mit Bauern, Säcken und Abrechnungen. Bei aufziehendem Gewitter wurde die Mühle festgebremst und abgesegelt, denn Blitzschlag und Sturm waren über Jahrhunderte die größten Feinde jeder Windmühle, und mancher Mühlenstandort in Ostfriesland hat aus genau diesem Grund mehrere Vorgängerbauten verschlissen. Wer heute auf der Galerie einer der Greetsieler Mühlen steht, ahnt, wie viel Erfahrung nötig war, um aus bewegter Luft zuverlässig Mehl zu machen.

Mühlenland Ostfriesland

Die Zwillingsmühlen stehen stellvertretend für eine ganze Epoche. Ostfriesland war einst ein regelrechtes Mühlenland: Neben den Kornmühlen arbeiteten unzählige kleine Schöpfmühlen, die das Wasser aus den tief liegenden Poldern in die Kanäle hoben und das Land überhaupt erst bewohnbar hielten. Fast jedes Dorf hatte seine Mühle, und der Müller war eine zentrale Figur des dörflichen Lebens, halb Handwerker, halb Kaufmann, halb Maschinenmeister. Mit Dampfmaschine und Elektromotor brach dieses System innerhalb weniger Generationen zusammen. Die meisten Mühlen verschwanden, wurden abgebrochen oder verfielen. Was blieb, sind die geretteten Exemplare, die heute an einer ausgeschilderten Mühlenroute durch die Region liegen und am Deutschen Mühlentag, der alljährlich am Pfingstmontag begangen wird, ihre Türen öffnen. Die Greetsieler Zwillinge sind unter diesen Überlebenden die wohl bekanntesten, gerade weil ihr Doppelbild so unverwechselbar ist.

Vom Arbeitsplatz zum Wahrzeichen

Der Weg vom Wirtschaftsbetrieb zum Wahrzeichen war kein Selbstläufer. Als das Mahlen sich nicht mehr lohnte, hätten die Gebäude leicht verfallen können wie so viele andere. Stattdessen wurden sie erhalten, restauriert und mit neuen Aufgaben betraut, die sie lebendig halten. In einer der beiden Mühlen wird heute Tee ausgeschenkt, was in Ostfriesland fast zwangsläufig erscheint: Die ostfriesische Teekultur mit ihrem kräftigen Tee, dem Kluntje und dem Sahnewölkchen ist als immaterielles Kulturerbe anerkannt und gehört zum Alltag der Region wie der Wind. Die andere Mühle wird als technisches Denkmal gepflegt und bewahrt den Charakter einer Kornmühle, sodass sich das alte Handwerk dort noch nachvollziehen lässt. Zusammen zeigen die beiden exemplarisch, wie historische Mühlen überleben: durch behutsame Umnutzung auf der einen, durch konservierende Pflege auf der anderen Seite. Und weil sie direkt an der Straße stehen, wirken sie nicht wie museale Inseln, sondern wie das, was sie immer waren: Teil des Dorfes.

Ein Besuch, der sich lohnt

Wer die Zwillingsmühlen besuchen will, hat es denkbar leicht: Sie stehen am Ortseingang und sind zu jeder Tageszeit frei zu betrachten. Am schönsten ist der Anblick im tiefen Licht des frühen Morgens oder Abends, wenn die Flügelkreuze sich scharf gegen den Himmel abzeichnen. Von den Mühlen sind es nur wenige Schritte bis zum Hafen, wo die Krabbenkutter liegen, und hinauf auf den Deich, von dem aus sich die ganze Logik dieser Landschaft erschließt: flaches Land, weiter Himmel, stetiger Wind. Wer die Gelegenheit hat, sollte eine der Mühlen von innen erleben, denn der Geruch von altem Holz, das Knarren der Galerie und der Blick durch die kleinen Fenster über die Marsch erzählen mehr als jede Schautafel. Dann versteht man auch, warum Generationen von Malern und Fotografen immer wieder hierher zurückgekehrt sind. Und wer nach dem Mühlenbesuch noch Zeit hat, verbindet Greetsiel mit weiteren Mühlenstandorten der Krummhörn und des übrigen Ostfrieslands, denn kaum eine Region Deutschlands macht es so leicht, gleich mehrere gut erhaltene Windmühlen an einem einzigen Tag zu erleben.

Auf der Karte

Die Zwillingsmühlen von Greetsiel sind nur ein Eintrag unter den vielen historischen Windmühlen, die wir in Ostfriesland, in Deutschland und weltweit erfasst haben. Öffnen Sie die interaktive Karte, suchen Sie das Doppelmotiv an der Nordseeküste und folgen Sie den Markierungen durch die Krummhörn und darüber hinaus. Jeder Eintrag führt zu Angaben über Typ, Geschichte und den heutigen Zustand der jeweiligen Mühle, ideal für die eigene Mühlenroute.