Die Windmühlen von Fuerteventura: Korn, Gofio und Passatwind
Wer über die weiten, ockerfarbenen Ebenen Fuerteventuras fährt, sieht sie immer wieder am Horizont: weiß gekalkte Türme mit kegelförmigem Holzdach und hölzernen Flügeln, dazu merkwürdige hölzerne Gerüste auf flachen Häuschen. Es sind die Getreidemühlen einer Insel, die über Generationen als Kornkammer der Kanaren galt. Fuerteventura, die zweitgrößte Insel des Archipels und die dem afrikanischen Festland nächstgelegene, baute Weizen und Gerste an, wo heute kaum noch ein Feld bestellt wird, und mahlte die Ernte mit der Kraft des Passatwinds. Dieser Beitrag erzählt, wie es dazu kam, wie die beiden kanarischen Mühlentypen funktionieren und wo man ihnen heute begegnet.
Kornkammer der Kanaren
Es klingt wie ein Widerspruch: Die trockenste Insel der Kanaren ernährte lange Zeit die feuchteren Nachbarinseln. Während Teneriffa und Gran Canaria ihre besten Böden für Exportkulturen wie Wein, Zucker und später Cochenille nutzten, setzte Fuerteventura auf Getreide. Weizen und Gerste standen an erster Stelle, nach der Ankunft aus Amerika kam der Mais hinzu. In guten Jahren verließen Boote voller Getreidesäcke und Mehl die kleinen Ankerplätze der Insel, und der Beiname granero de Canarias, Kornkammer der Kanaren, bürgerte sich ein.
Möglich war das nur durch eine Landwirtschaft am äußersten Rand des Machbaren. Regen fällt selten und unberechenbar, deshalb entwickelten die Majoreros, wie die Bewohner Fuerteventuras heißen, die sogenannten Gavias: Felder, die von niedrigen Erdwällen umschlossen sind und das Wasser der seltenen Regengüsse auffangen, damit die Feuchtigkeit lange genug im Boden bleibt, um eine Ernte heranreifen zu lassen. Dromedare, dem ariden Gelände bestens gewachsen, zogen Pflug und Dreschschlitten und trugen die Säcke zur Mühle. Blieb der Regen mehrere Jahre hintereinander aus, konnte dieselbe Insel, die sonst Getreide ausführte, in bittere Knappheit geraten, und ganze Familien wanderten aus. Die Windmühle steht im Zentrum dieser Geschichte, denn sie machte aus einer stets unsicheren Ernte das tägliche Essen.
Wind statt Wasser
Fuerteventura besitzt keinen einzigen dauerhaft wasserführenden Fluss oder Bach. Wassermühlen, wie sie auf regenreicheren Inseln arbeiteten, kamen hier also nie in Frage. Was die Insel dafür im Überfluss hat, ist Wind: Der Nordostpassat weht mit sprichwörtlicher Beständigkeit, und das flache, offene Land bremst ihn kaum. Kaum eine Landschaft Europas ist so offensichtlich für die Windkraft geschaffen.
Bevor der Wind eingespannt wurde, zerrieb man das Korn von Hand auf steinernen Reibmühlen, einer Technik, die von der Urbevölkerung der Insel überliefert war, und später in sogenannten Tahonas, einfachen Mühlen, die ein Kamel oder ein Esel im Kreis gehend antrieb. Schließlich kamen Turmwindmühlen nach dem Vorbild Kastiliens und Portugals hinzu. Die meisten der heute erhaltenen Mühlen entstanden oder wurden erneuert im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, als die Getreidewirtschaft der Insel ihren Höhepunkt erreichte. Jedes größere Dorf hatte mindestens eine Mühle, ergiebige Anbaugebiete gleich mehrere, und ihre Silhouetten gehörten bald ebenso zum Inselbild wie die Vulkankegel dahinter.
Molino und Molina: zwei Bauformen, ein Zweck
Auf Fuerteventura haben sich zwei deutlich verschiedene Mühlentypen erhalten, und die Einheimischen unterscheiden sie schlicht nach dem grammatischen Geschlecht. Der Molino, die männliche Form, ist die klassische Turmwindmühle: ein runder, meist weiß gekalkter Steinturm über zwei oder drei Ebenen, gekrönt von einer kegelförmigen Holzhaube. An der Welle in der Haube sitzen die Flügel, häufig vier, manchmal sechs, und die gesamte Haube lässt sich drehen, damit die Flügel im Wind stehen. Das Mahlwerk befindet sich im Obergeschoss: Das Korn wird hinaufgetragen, in den Trichter geschüttet, und das Mehl rutscht durch eine Rinne nach unten, wo es aufgefangen wird.
Die Molina, die weibliche Form, ist eine deutlich jüngere, genuin kanarische Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts. Statt eines Steinturms trägt hier ein schlichtes eingeschossiges Gebäude ein leichtes hölzernes Gerüst, und dieser gesamte Holzaufbau wird in den Wind gedreht. Ihr großer praktischer Vorteil: Das Mahlwerk steht ebenerdig im Haus, sodass niemand mehr Säcke über enge Stiegen wuchten muss. Zudem war eine Molina billiger und schneller zu errichten als ein gemauerter Turm, was der Bauform zu rascher Verbreitung verhalf. Das Dorf Lajares im Norden Fuerteventuras ist berühmt dafür, dass dort schöne Exemplare beider Typen in Sichtweite zueinander stehen; nirgendwo lässt sich der Vergleich besser anstellen.
Gofio: geröstetes Korn als Grundnahrung
Wer diese Mühlen verstehen will, muss wissen, was sie herstellten, denn Brotmehl im mitteleuropäischen Sinn war es meist nicht. Ihr wichtigstes Erzeugnis war Gofio, das Nationalgericht der Kanaren schlechthin: Mehl aus Getreide, das vor dem Mahlen geröstet wird. Der Brauch ist älter als die spanische Eroberung. Die Ureinwohner Fuerteventuras, die Mahos, rösteten Gerste und zerrieben sie auf steinernen Handmühlen; nach der Eroberung kamen Weizen und schließlich Mais hinzu, das Rösten aber blieb.
Das Rösten verleiht dem Gofio sein tiefes, nussiges Aroma, und weil das Korn bereits gegart ist, kann das Mehl ohne weitere Zubereitung gegessen werden. Man knetete es mit Wasser, Milch, Brühe oder Fischsud zu einem festen Teig, rührte es in Suppen und Eintöpfe oder mischte es mit Honig und Mandeln zur Süßspeise. Für Hirten, Fischer und Landarbeiter war es haltbarer, nahrhafter Proviant, und bis weit ins zwanzigste Jahrhundert bildete es das kalorische Rückgrat des Landlebens. Noch heute steht Gofio in jedem kanarischen Supermarktregal, inzwischen mit geschützter geografischer Angabe, und jeder Sack davon führt zurück zu den Reibsteinen, Tahonas und Windmühlen, die ihn einst mahlten.
Das Handwerk des Müllers
Eine Windmühle zu führen war ein anspruchsvolles, mitunter gefährliches Handwerk. Der Müller las unablässig den Himmel, denn seine Maschine hing vollständig vom Wetter ab: Bei zu wenig Wind stehen die Steine still, bei zu viel drohen Flügel, Getriebe oder gar die Mahlsteine Schaden zu nehmen. Je nach Windstärke wurde mehr oder weniger Segeltuch auf die Flügelrahmen gespannt, die Haube oder der ganze Holzaufbau in den Wind gedreht und mit der Bremse die Welle gezügelt.
Im Inneren war der entscheidende Handgriff das Einstellen des Abstands zwischen den beiden Mahlsteinen, der darüber bestimmt, ob grober Schrot oder feines Mehl entsteht. Die Steine mussten außerdem regelmäßig geschärft werden: Die Rillen in ihren Laufflächen nutzten sich ab und wurden immer wieder nachgehauen. Bezahlt wurde der Müller traditionell in Naturalien, mit einem vereinbarten Anteil am Mehl, der Maquila. So wurde die Mühle zu einem kleinen Zentrum der örtlichen Wirtschaft: An Mahltagen versammelte man sich, wartete, tauschte Neuigkeiten und feilschte. Die Mühle war ebenso soziale Einrichtung wie Produktionsstätte.
Vom Stillstand zum Denkmal
Das zwanzigste Jahrhundert nahm den Mühlen langsam den Wind aus den Flügeln. Motormühlen mahlten bei jedem Wetter, importiertes Mehl unterbot das einheimische Korn, und die harten Dürrejahre der Jahrhundertmitte trieben viele Bauernfamilien in die Auswanderung. Eine Mühle nach der anderen blieb stehen. Flügel und Hauben, die empfindlichsten Holzteile, verfielen zuerst; manche Türme wurden ganz aufgegeben, andere still als Baumateriallager ausgeschlachtet.
Die Rettung kam, bevor es zu spät war. Traditionelle Windmühlen stehen auf den Kanaren heute förmlich unter Denkmalschutz, und auf Fuerteventura hat die Inselregierung eine ganze Reihe von ihnen restauriert, mehrere davon bis zur Funktionsfähigkeit. Aus einem alltäglichen Arbeitsgerät ist eines der stärksten Symbole majorerischer Identität geworden, eine Erinnerung an die Jahrhunderte, in denen die Insel von Korn, Wind und zähem Können lebte.
Wo die Mühlen heute stehen
Fuerteventura gehört zu den besten Inseln des Archipels, um Mühlen aufzuspüren. In Tiscamanita, in der Gemeinde Tuineje, beherbergt eine restaurierte Mühle ein Interpretationszentrum, das eigens den Windmühlen der Insel und dem Gofio gewidmet ist. In Antigua steht der Molino de Antigua in einer gepflegten Anlage mit Kaktusgarten und Ausstellungsräumen. In Tefía zeigt das Freilichtmuseum La Alcogida das traditionelle Landleben, das Mahlen inbegriffen. Jenseits der Museen lohnt sich der aufmerksame Blick rund um Villaverde und La Oliva im Norden, in Lajares mit seinem berühmten Mühlenpaar, bei Corralejo und Puerto Lajas sowie im Bauernland um Valles de Ortega und Llanos de la Concepción. Ein weiß gekalkter Turm im Morgenlicht, umweht vom selben Passat wie vor zweihundert Jahren, gehört zu den stillen Belohnungen dieser Insel.
Auf der Karte
Alle in diesem Beitrag erwähnten Mühlen, vom Interpretationszentrum in Tiscamanita bis zum Mühlenpaar von Lajares, finden Sie auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie auf Fuerteventura, um zu sehen, wie sich die Mühlen entlang der alten Getreideebenen aufreihen, planen Sie eine Route von Turm zu Turm, und stöbern Sie weiter: Die Karte verzeichnet Windmühlen und historische Mühlen auf den gesamten Kanaren und weltweit.