Nashtifan: Die uralten Windmühlen Irans, die sich bis heute drehen
Wer bei Windmühlen an die Niederlande denkt, an Flügelkreuze vor weitem Himmel und gemächlich drehende Kappen, muss in Nashtifan umlernen. Am Südrand dieser Kleinstadt in der iranischen Provinz Razavi-Chorasan, unweit der Grenze zu Afghanistan, erhebt sich eine lange Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln, in deren hohen Kammern sich hölzerne Rotoren um senkrechte Wellen drehen. Diese Mühlen, auf Persisch Asbads genannt, mahlen seit vielen Jahrhunderten Weizen zu Mehl, angetrieben allein von einem Sommerwind, der zu den beständigsten der Erde gehört. Sie zählen zu den ältesten Windmühlen der Welt, die noch immer die Arbeit verrichten, für die sie gebaut wurden.
Ein Prinzip, das quer zur Gewohnheit steht
Technisch gesehen ist ein Asbad das genaue Gegenteil der vertrauten europäischen Mühle. Es gibt keine Flügel, die dem Wind wie ein Propeller entgegenstehen. Stattdessen ist jede Mühle ein zweigeschossiger Bau: Im oberen Raum sitzt der Rotor, ein kräftiger senkrechter Holzschaft, an dem rechteckige Blätter aus Holzlatten und gebündeltem Schilf befestigt sind. Der Wind fällt durch einen hohen Schlitz in der Mauer ein, drückt gegen die Blätter auf der einen Seite der Welle und treibt das Ganze im Kreis herum, ungefähr so, wie sich ein Karussell oder eine Drehtür bewegt. Die Lehmmauer selbst gehört zur Maschine: Sie schirmt die zurücklaufenden Blätter ab, denn ohne diese Asymmetrie würden sich die Kräfte gegenseitig aufheben. Ingenieure nennen eine solche widerstandsgetriebene Konstruktion Panemone. Sie holt aus einer gegebenen Brise weniger Energie heraus als die auftriebsgetriebenen Segel späterer europäischer Mühlen, entschädigt dafür aber mit wunderbarer Einfachheit: Die Welle läuft senkrecht durch den Boden in die Mahlstube darunter und dreht dort unmittelbar den oberen Mühlstein. Kein Getriebe, kein Kammrad, keine komplizierte Kraftumlenkung. Oben Wind, unten Mehl.
Der Wind der hundertzwanzig Tage
Dass diese Bauform ausgerechnet hier entstand, hat einen meteorologischen Grund. Jedes Jahr, vom späten Frühling bis in den frühen Herbst, fegt ein unerbittlicher Nordwind über das Grenzland zwischen dem Ostiran und Westafghanistan. Die Perser nennen ihn Bad-e sad-o-bist-roz, den Wind der hundertzwanzig Tage. Er weht mit erstaunlicher Ausdauer, Tag für Tag über eine ganze Saison hinweg, und seine Böen können Geschwindigkeiten in der Größenordnung von 120 Kilometern pro Stunde erreichen, während sie über die Ebenen von Chorasan und der historischen Region Sistan hinwegziehen. Für die Bauern ist ein solcher Wind eine Plage, für die Müller war er ein Geschenk. Weil er aus einer verlässlichen Richtung kommt und monatelang anhält, brauchten die Erbauer von Nashtifan nie die drehbaren Hauben und Windrosen, mit denen europäische Mühlenbauer später wechselnden Brisen hinterherjagten. Sie richteten ihre Maschinen ein für alle Mal auf den Wind aus, der immer kommt. Selbst der Name der Stadt wird im Volksmund auf persische Wörter zurückgeführt, die so viel wie Stich des Sturms bedeuten, eine treffende Kurzfassung dessen, was das Leben auf dieser Hochebene prägt.
Was mittelalterliche Geographen berichten
Wie alt ist diese Idee? Die Bausubstanz selbst lässt sich kaum datieren, denn Lehmarchitektur verlangt ständige Pflege; die Mühlen von heute sind das Ergebnis unzähliger Ausbesserungen über viele Generationen. Die Bauform dagegen ist eindeutig uralt. Geographen und Historiker der islamischen Welt beschrieben schon im neunten und zehnten Jahrhundert die Region Sistan als ein Land des Windes und des Sandes, dessen Bewohner die Stürme nutzten, um Wasser zu heben und Getreide zu mahlen. Diese Berichte gehören zu den frühesten verlässlichen Beschreibungen von Windmühlen überhaupt. Eine viel zitierte Anekdote reicht sogar noch weiter zurück: Ein persischer Gefangener im Arabien des siebten Jahrhunderts soll damit geprahlt haben, eine vom Wind getriebene Mühle bauen zu können. Ob die Geschichte stimmt, lässt sich nicht prüfen, aber sie zeigt, dass spätere Generationen den Windmühlenbau als ein uraltes persisches Handwerk betrachteten. Als die ersten gut belegten europäischen Windmühlen im zwölften Jahrhundert in den Schriftquellen auftauchen, mit ihrer völlig anderen, horizontalen Achse, hatten die Windmaschinen Ostpersiens bereits Jahrhunderte des Betriebs hinter sich. Ob die Idee über Handelswege nach Westen wanderte oder Europa unabhängig auf die Windmühle kam, ist bis heute umstritten.
Gebaut aus Lehm, Stroh und Holz
Die Asbads sind ebenso sehr Architektur wie Maschine, und diese Architektur besteht fast vollständig aus dem, was die Umgebung hergibt: Lehm, Stroh, luftgetrocknete Ziegel und sparsam eingesetztes Holz und Schilf. Die Wände tragen den traditionellen persischen Putz aus Lehm und gehäckseltem Stroh, der den Bauten ihre warme, ockerfarbene Haut verleiht. In Nashtifan stehen mehrere Dutzend Mühlen Schulter an Schulter in einer einzigen langen Zeile auf dem Geländerücken am Ortsrand, deren Gesamthöhe etwa zwanzig Meter über der Ebene erreicht. Diese Anordnung ist gleich doppelt durchdacht. Auf der Anhöhe fangen die Mühlen den stärksten, ungestörten Wind; als geschlossene Reihe wirken sie zugleich als Windschutzwand, hinter der sich Häuser, Höfe und Gärten der Stadt ducken. Die hohen Einlassöffnungen der oberen Kammern arbeiten wie Trichter: Sie verengen den Luftstrom, sodass er beschleunigt auf die Blätter trifft, ein Stück intuitiver Aerodynamik, verwirklicht mit nichts als Lehmmauern. Mit einfachen hölzernen Blenden ließ sich der Zustrom regulieren, wenn der Sturm zu heftig wurde. Dass die Mühlen die Jahrhunderte überstanden haben, verdanken sie allein den Händen, die in jeder Generation den Putz flickten, verschlissene Blätter ersetzten und ausbesserten, was der Wind abgeschmirgelt hatte.
Mahlen, wenn der Wind es erlaubt
Die Arbeit an den Asbads folgte dem Kalender des Windes, und dieser Kalender war großzügig: Die Windsaison beginnt ungefähr dann, wenn die Weizenernte eingebracht ist. Die Bauern trugen ihr Korn auf den Rücken hinauf, der Müller übernahm den Rest. Er schüttete das Getreide in hölzerne Trichter, aus denen es zwischen die Mahlsteine in der unteren Kammer rieselte, prüfte die Feinheit des Mehls zwischen den Fingerspitzen und hörte am Knarren der Balken, ob der Rotor zu schnell lief. Bremsen im modernen Sinn gab es nicht; einen Asbad bei hartem Wind zu führen hieß, mit den Öffnungen und dem Kornfluss zu arbeiten, statt gegen den Sturm anzukämpfen. Jahrhundertelang machte diese Ordnung die Mühlen zu einem Mittelpunkt des örtlichen Lebens, zu dem Ort, an dem aus dem Weizen der Region ihr Brot wurde. In den letzten Jahrzehnten ist diese wirtschaftliche Rolle verblasst, und das Überleben der Anlage hing an erstaunlich wenigen Menschen. Ein betagter Hüter namens Ali Muhammad Etebari wurde durch einen kurzen Dokumentarfilm still berühmt, weil er die Mühlen weitgehend allein wartete und offen die Sorge aussprach, wer diese Aufgabe einmal übernehmen werde. In dieser Sorge steckt die menschliche Seite des Denkmalschutzes: Die Bauwerke sind nur die Hälfte des Erbes, das Wissen um ihren Betrieb die andere.
Denkmal mit ungewisser Zukunft
Der Iran hat den Wert der Anlage anerkannt und die Windmühlen von Nashtifan im Jahr 2002 als nationales Denkmal registriert; die Asbads der weiteren Region wurden zudem für die Tentativliste des UNESCO-Welterbes vorgeschlagen. Doch Anerkennung auf dem Papier hält keinen Lehmziegel zusammen. Derselbe Wind, der die Mühlen antreibt, trägt sie ab; industrielles Mehl hat ihnen längst die wirtschaftliche Grundlage entzogen; und junge Leute ziehen aus den Kleinstädten Chorasans fort wie überall auf der Welt. Was bleibt, ist ein Monument von Weltrang: eine vollständige, verständliche und noch funktionierende Antwort auf die Frage, wie Menschen zum ersten Mal bewegte Luft in nützliche Arbeit verwandelten. Dass moderne Ingenieure heute wieder vertikalachsige Windturbinen für Dächer und Städte entwickeln, verleiht dem Ort eine unverhoffte Aktualität: Die Mühlenbauer von Chorasan haben den Langzeittest dieser Bauweise vor rund tausend Jahren begonnen, und er läuft noch.
Auf der Karte
Nashtifan liegt im Landkreis Chaf in der Provinz Razavi-Chorasan, und Sie finden den Ort zusammen mit Tausenden weiteren historischen und arbeitenden Windmühlen auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie in den Osten Irans, um die Asbads in ihrer Landschaft zu entdecken, und wandern Sie dann westwärts zu den Turmmühlen des Mittelmeers und den Holländermühlen Nordeuropas. Kaum eine Reise über die Karte umspannt mehr Jahrhunderte Windkraftgeschichte auf einen Blick.