Windmühlen in Yorkshire: Eine Rundreise von York bis zum Humber
Mitten in einem Kreisverkehr im Yorker Vorort Holgate, umringt von Backsteinhäusern und einem stetigen Strom von Autos, steht ein Mühlenturm mit fünf Flügeln. Die 1770 erbaute Holgate Windmill mahlte über Generationen Mehl, verfiel im zwanzigsten Jahrhundert zusehends und wurde schließlich von ihren eigenen Nachbarn wieder in Gang gesetzt. Heute liefert sie erneut steingemahlenes Mehl — eine unwahrscheinliche Überlebende an einem unwahrscheinlichen Ort und der ideale Auftakt für eine Reise zu den Windmühlen Yorkshires. Englands größte historische Grafschaft ist zwar eher für ihre Klosterruinen, Hochmoore und Fabrikschornsteine bekannt, doch sie bewahrt auch ein stilles Erbe der Windkraft: eine Handvoll restaurierter, funktionsfähiger Mühlen und Dutzende flügelloser Türme, die über Weiden, Gehöften und Dorfrändern Wache halten.
Eine Grafschaft, zwei Welten
Die Geschichte der Windmühlen Yorkshires ist im Kern eine Geschichte der Geografie. Der Westen der Grafschaft steigt in die Pennines hinauf, wo schnell fließende Bäche und Flüsse die Wasserkraft zur naheliegenden Energiequelle machten; die berühmten Textilfabriken des West Riding liefen zunächst mit Wasserrädern und später mit Dampfmaschinen. Der Osten ist eine andere Welt. Die sanften Kreidehügel der Yorkshire Wolds, die flache Ackerlandschaft von Holderness und das weite Tal von York boten offene Himmel, verlässlichen Wind und reichlich Getreide, aber deutlich weniger brauchbare Wasserläufe. Hier war Windmühlenland. Die frühen Mühlen waren hölzerne Bockwindmühlen, deren gesamter Körper sich um einen zentralen Pfosten in den Wind drehte. Vom achtzehnten Jahrhundert an wurden sie nach und nach durch höhere, leistungsfähigere Turmwindmühlen aus Backstein ersetzt, bei denen sich nur noch die drehbare Haube dem Wind zuwendet. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zählte man in Ost- und Nordyorkshire Windmühlen zu Hunderten; sie mahlten Korn für Dörfer, Marktstädte und die wachsende Hafenstadt Hull. Die meisten sind verschwunden. Was übrig ist, konzentriert sich bezeichnenderweise im East Riding und rund um York — genau dort, wo der Wind einst die schwerste Arbeit der Grafschaft verrichtete.
Holgate Windmill: fünf Flügel über den Dächern von York
Die Holgate Windmill verdient ihren Platz am Anfang jeder Mühlenreise durch Yorkshire. Als sie 1770 errichtet wurde, stand sie auf freiem, hohem Gelände vor den Stadtmauern; York wuchs ihr entgegen und umschloss sie schließlich vollständig, sodass die Mühle heute wie ein Leuchtturm in einem Meer aus Vorstadthäusern auf ihrer Verkehrsinsel steht. Ihre fünf Flügel fallen jedem Besucher als Erstes auf. Eine ungerade Flügelzahl ist im englischen Mühlenwesen ungewöhnlich — fünfflügelige Mühlen waren stets eine kleine Minderheit — und verleiht der drehenden Mühle einen eigentümlichen, fast hypnotischen Rhythmus. Die Mühle arbeitete bis ins zwanzigste Jahrhundert, ehe sie stillgelegt wurde; gegen Ende des Jahrtausends hatte sie ihre Flügel und einen Großteil ihrer Technik an den Verfall verloren. Was dann geschah, ist der schönste Teil der Geschichte: Anwohner gründeten einen Erhaltungsverein, sammelten Spenden und brachten die Mühle in jahrelanger, geduldiger Freiwilligenarbeit wieder vollständig zum Laufen. Heute mahlt Holgate Mehl, das in der Umgebung verkauft wird, und an offenen Tagen können Besucher durch die Stockwerke klettern, während die Flügel an den Fenstern der Nachbarhäuser vorbeistreichen.
Skidby Mill: die arbeitende Überlebende des East Riding
Südöstlich von York, im Dorf Skidby zwischen Beverley und Hull, steht jene Mühle, die am häufigsten als letzte arbeitende Windmühle Yorkshires bezeichnet wird. Die Skidby Mill wurde 1821 erbaut und sieht aus wie das Idealbild einer Mühle des East Riding: ein hoher, tiefschwarz geteerter Backsteinturm mit strahlend weißer Haube und vier mächtigen Flügeln. Anders als viele Dorfmühlen arbeitete Skidby noch weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein kommerziell, und die Lagerhäuser rund um den Turm wuchsen mit dem Geschäft. Heute befindet sich die Mühle in öffentlicher Hand und dient zugleich als Museum für das ländliche Leben des East Riding; in den Nebengebäuden sind Werkzeuge, Wagen und Handwerke der Zeit vor dem Traktor versammelt. Das Beste aber: Die Maschinerie läuft noch. An Mahltagen drehen sich die Flügel, die Steine mahlen, und der ganze Turm summt und knarrt genau so, wie ihn ein viktorianischer Müller gekannt hätte. Besucher nehmen Tüten mit Skidbys steingemahlenem Mehl mit nach Hause — eine unmittelbarere Verbindung zur arbeitenden Vergangenheit kann ein Museum kaum bieten.
Wahrzeichen ohne Flügel: Beverley Westwood und darüber hinaus
Nicht jede erhaltene Mühle dreht sich noch, und Yorkshires flügellose Türme haben einen ganz eigenen, melancholischen Reiz. Der bekannteste ist die Black Mill auf dem Beverley Westwood, ein dunkler Turm ohne Haube, der allein auf der großen Gemeindeweide westlich von Beverley steht, im Hintergrund die Türme des Münsters. Ihre Flügel hat sie vor langer Zeit verloren, doch die Stadt möchte sie um keinen Preis missen: Sie ist Treffpunkt, Orientierungspunkt für Spaziergänger und eine der meistfotografierten Silhouetten des East Riding. Wer den Blick über Holderness, die Wolds und das Tal von York schweifen lässt, entdeckt noch viel mehr: gekappte Türme, die in Gehöfte eingewachsen sind, Mühlen, die zu eindrucksvollen Rundhäusern umgebaut wurden, und Backsteinstümpfe, die hinter Hecken still vor sich hin verwittern. Jeder von ihnen markiert einen Ort, der einer Gemeinschaft einst wichtig genug war, um eine teure, windfangende Maschine zu rechtfertigen. Wer lernt, sie zu erkennen, verwandelt jede Fahrt durch Ostyorkshire in eine kleine archäologische Expedition.
Kreide statt Korn: die Mühle von Hessle
Eine Windmühle Yorkshires hat nie Mehl gemahlen. Am Ufer bei Hessle, im Schatten der Humber-Brücke, steht ein Mühlenturm, der sein Arbeitsleben damit verbrachte, Kreide zu zerkleinern. Die Mühle gehörte zum benachbarten Steinbruch und zerstampfte Kreidebrocken aus den Wolds zu feinem weißem Pulver, dem sogenannten Whiting, das einst in Farben, Kitt und Poliermitteln verwendet wurde. Als in den 1970er-Jahren die große Hängebrücke daneben gebaut wurde, verwandelte sich der alte Steinbruch in einen Landschaftspark, und die Kreidemühle blieb als sein Herzstück erhalten. Sie ist ein nützliches Gegenmittel gegen die Annahme, Windmühlen hätten immer nur mit Brot zu tun gehabt: Windkraft war schlicht Kraft, und Yorkshire setzte sie für alles ein, was gemahlen werden musste.
Im Inneren einer Turmwindmühle
Wer eine arbeitende Mühle wie Holgate oder Skidby betritt, dem erschließt sich die Technik Stockwerk für Stockwerk. Ganz oben dreht sich die Haube auf einem Kranz, damit die Flügel stets im Wind stehen — automatisch gesteuert von einem kleinen Hilfsrad, der sogenannten Windrose. Die Flügel treiben ein mächtiges Kammrad in der Haube an, das eine senkrechte Königswelle über die gesamte Höhe des Turms in Bewegung setzt. Auf dem Mahlboden wird diese Kraft über Zahnräder auf Mahlsteinpaare übertragen: Der obere Stein kreist über dem festen unteren, während das Korn dazwischen rieselt. Darunter sammelt der Mehlboden das warme, frisch gemahlene Mehl. Ein Sackaufzug, von derselben Welle angetrieben, hievt das Getreide nach oben, damit die Schwerkraft den Rest erledigt. Nichts davon ist automatisch im modernen Sinn: Der Müller musste den Wind einschätzen, die Klappen der Flügel verstellen, den Abstand der Steine regulieren und ihre Mahlflächen mit dem Bildhauereisen nachschärfen, wenn sie glatt geworden waren. Den heutigen ehrenamtlichen Müllern bei genau diesen Entscheidungen zuzusehen, ist die halbe Freude eines Besuchs.
Niedergang, Rettung und die Freiwilligen dahinter
Das Ende kam schnell. Vom späten neunzehnten Jahrhundert an konnten dampfbetriebene Walzenmühlen in Hafenstädten wie Hull importiertes Getreide in industriellem Maßstab zu billigem Weißmehl verarbeiten, und die Dorfwindmühle konnte nicht mithalten. Flügel wurden aus Sicherheitsgründen abgenommen, Hauben wurden undicht, Türme wurden gekappt, als Baumaterial ausgeschlachtet oder schlicht abgerissen. Um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ließen sich die arbeitenden Windmühlen Yorkshires an einer Hand abzählen, bald an einem Finger. Dass überhaupt welche überlebt haben, ist einer entschlossenen Denkmalbewegung zu verdanken: Kommunen übernahmen Mühlen wie Skidby, während Vereine von Freiwilligen — nirgendwo eindrucksvoller als in Holgate — Hauben, Flügel und Maschinen nach Bauzeichnungen und alten Fotografien wiederaufbauten. Ihr Lohn, und unserer, ist, dass in der Grafschaft noch immer das Geräusch arbeitender Mahlsteine zu hören ist.
Auf der Karte
Die Mühlen dieser Rundreise sind nur die sichtbarsten Fragmente einer Landschaft, in der sich einst überall Flügel drehten. Auf unserer interaktiven Karte finden Sie Holgate, Skidby, die Black Mill auf dem Beverley Westwood, die Kreidemühle von Hessle und viele weitere erhaltene Türme in ganz Yorkshire, jeweils mit Lage und Details. Planen Sie eine Route durch das East Riding, prüfen Sie, was in der Nähe Ihrer nächsten Englandreise steht, und entdecken Sie, wie viel von Englands Mühlenerbe noch immer auf seinen Hügeln wartet.