Eine Mühlentour durch Ostfriesland
Wer im Hafen von Greetsiel steht, zwischen Krabbenkuttern und Backsteingiebeln, sieht sie schon von weitem: zwei Galerieholländer, dicht nebeneinander am Ortsrand, die Flügel gegen den weiten Himmel gestellt. Die Zwillingsmühlen sind das berühmteste Mühlenmotiv der deutschen Nordseeküste, aber sie sind nur der Anfang. Ostfriesland ist ein Mühlenland durch und durch, und wer sich mit dem Rad oder dem Auto zwischen Ems und Jadebusen treiben lässt, findet in fast jedem größeren Ort eine Mühle – gepflegt, oft betriebsfähig und meist mit einer Geschichte, die weit zurückreicht.
Warum gerade Ostfriesland?
Die Antwort steht am Horizont, oder besser: sie fehlt dort. Ostfriesland ist eine der flachsten Landschaften Deutschlands. Marsch an der Küste, Geest im Landesinneren, dazwischen ehemalige Hochmoore – nirgends ein Hügel, der dem Wind im Weg stünde, kaum ein Wald, der ihn bremst. Der Westwind kommt frisch von der Nordsee und weht zuverlässig übers Jahr. Wasserkraft, andernorts die große Konkurrenz, fiel hier praktisch aus: Den Bächen fehlt schlicht das Gefälle. Wer Korn mahlen, Graupen schälen oder Wasser heben wollte, brauchte den Wind. So entstand über Jahrhunderte eine Mühlenlandschaft von bemerkenswerter Dichte, und der Müller gehörte in jedem Kirchspiel zu den wichtigsten Handwerkern. Dass bis heute so viele Mühlen erhalten sind, liegt auch daran, dass die Ostfriesen ihre Wahrzeichen nie ganz aufgegeben haben. Selbst in Dörfern, die längst keine eigene Mühle mehr betreiben, bleibt der alte Turm oft als Ortsmarke stehen, sichtbar von den Deichen und den schnurgeraden Straßen aus, die die Marsch durchziehen.
Vom Bockgerüst zum Galerieholländer
Die ältesten Windmühlen der Region waren Bockwindmühlen, bei denen sich der gesamte hölzerne Mühlenkasten samt Flügeln um einen zentralen Pfahl drehte. Das funktionierte, hatte aber Grenzen: Der Kasten musste leicht bleiben, der Platz im Inneren war knapp. Die entscheidende Neuerung kam aus den benachbarten Niederlanden – die Holländerwindmühle, bei der nur noch die Kappe mit dem Flügelkreuz in den Wind gedreht wird, während der Mühlenkörper fest steht. In Ostfriesland setzte sich eine besondere Spielart durch: der Galerieholländer. Sein Unterbau ist ein kräftiger Backsteinturm, häufig zweigeschossig, um den in halber Höhe ein hölzerner Umlauf führt, die Galerie. Von dort bediente der Müller die Flügel und die Bremse, ohne jedes Mal hinabsteigen zu müssen. Der hohe Unterbau hob das Flügelkreuz über Höfe und Bäume hinaus in den freien Wind – und schuf zugleich Lagerraum für Korn und Mehl. Wer heute auf einer dieser Galerien steht und über die Marsch blickt, begreift sofort, warum diese Bauform hier zum Standard wurde: Sie verband die Vorteile des massiven Turms mit der Beweglichkeit, die ein wechselhafter Küstenwind verlangte, und ließ sich zudem leichter erweitern, wenn ein Ort wuchs und mehr Mahlkapazität brauchte.
Greetsiels ungleiche Zwillinge
Zurück nach Greetsiel, ins Fischerdorf in der Krummhörn. Die beiden Mühlen am Ortsrand stehen so nah beieinander, dass sie wie ein geplantes Ensemble wirken – tatsächlich ist die Nachbarschaft historisch gewachsen. Ungleich sind die Zwillinge obendrein: Die eine zeigt sich in warmem Backsteinrot, die andere trägt einen grünen Anstrich. Gemahlen wird hier längst nicht mehr im gewerblichen Sinn; heute empfangen die Mühlen Besucher, mit Ausstellungen, einem Laden und der Gelegenheit, bei einer ostfriesischen Teetied zu verschnaufen – mit Kluntje im Becher und Sahnewölkchen obenauf. Greetsiel eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt einer Tour: Von hier führen stille Landstraßen und Radwege durch die Krummhörn, deren Dörfer auf alten Warften sitzen, und wer aufmerksam fährt, entdeckt in kurzen Abständen weitere Mühlen, etwa in Pewsum und den umliegenden Orten. Jede dieser Warften, jener künstlich aufgeschütteten Wohnhügel, mit denen sich die Küstenbewohner einst vor Sturmfluten schützten, hat ihren eigenen Charakter, und die Mühle markiert dabei fast immer den höchsten und am weitesten sichtbaren Punkt im Ort.
Wasser schöpfen im Rheiderland
Mahlen war nur die halbe Aufgabe des Windes. Weite Teile Ostfrieslands liegen kaum über dem Meeresspiegel, manche Polder sogar darunter. Bevor es elektrische Schöpfwerke gab, hielten Windmühlen das Land trocken: Schöpfmühlen trieben Schöpfräder oder archimedische Schnecken an, die das Wasser aus den Sieltiefs und Gräben in höher gelegene Kanäle hoben – Tag und Nacht, wann immer Wind ging. Besonders das Rheiderland zwischen Ems und niederländischer Grenze war auf diese Technik angewiesen. Dort steht mit der Schöpfmühle am Wynhamster Kolk eines der seltenen erhaltenen Exemplare dieses einst verbreiteten Typs; sie entwässerte Land, das tiefer liegt als das Meer. Wer vor einer solchen Mühle steht, versteht: Die Windmühle war hier kein hübsches Beiwerk, sondern eine Überlebensmaschine, so wichtig wie der Deich selbst. Fiel der Wind über Tage aus, stieg das Wasser hinter den Deichen unaufhaltsam, und ganze Ernten konnten verloren gehen – ein Risiko, das die Bewohner des Rheiderlands über Generationen sehr genau kannten.
Technik, die den Müller entlastete
Ein Blick auf die Kappe lohnt sich bei jeder ostfriesischen Mühle. Hinten, quer zum großen Flügelkreuz, sitzt oft ein kleines Windrad: die Windrose. Drehte der Wind, griff sie die Strömung auf und drehte die Kappe über ein Getriebe selbsttätig zurück in den Wind – der Müller musste nicht mehr eigenhändig krühen. Dazu kamen Jalousieklappen in den Flügeln, bewegliche Lamellen, die Böen durchlassen konnten wie eine Jalousie das Licht. Beides zusammen machte die Mühlen dieser Küste erstaunlich selbstregulierend. Ein bequemer Beruf wurde das Müllern trotzdem nicht: Steine mussten geschärft, hölzerne Kammräder gepflegt, das Wetter gelesen werden. Zog ein Sturm auf, hieß es rechtzeitig abbremsen und die Flügel sichern. Viele Mühlen der Region haben ihr Innenleben vollständig bewahrt, und an Mahltagen spürt man noch, wie das ganze Gebäude arbeitet, wenn die Steine laufen.
Tee, Backstein und Mühlenvereine
Dampfmaschine, Diesel und Elektromotor beendeten das Zeitalter der Windkraft auch in Ostfriesland. Dass dennoch so viele Mühlen stehen, ist vor allem den Mühlenvereinen zu verdanken: Ehrenamtliche decken Kappen neu, erneuern Flügel und halten das alte Räderwerk gangbar. Ihr großer Auftritt ist der Deutsche Mühlentag am Pfingstmontag, wenn Mühlen im ganzen Land die Türen öffnen und die Flügel drehen lassen. Die erhaltenen Mühlen haben höchst unterschiedliche zweite Leben gefunden: als Schaumahlbetriebe, Heimatmuseen, Cafés und Teestuben, Galerien oder Trauzimmer, in denen unter alten Balken geheiratet wird. Die Mühle in Hage gilt als eine der höchsten Windmühlen Deutschlands, und auch Aurich, Norden, Leer, Dornum und Wittmund pflegen ihre Mühlen – eine Tour verbindet also ganz nebenbei die schönsten Orte der Region.
Praktische Tipps für die Tour
Für eine lohnende Rundfahrt genügen wenige Tage. Bewährt hat sich ein Bogen von Leer oder Emden durchs Rheiderland zu den Schöpfmühlen, weiter nach Norden durch die Krummhörn nach Greetsiel und anschließend die Küste entlang über Norden und Hage Richtung Dornum und Werdum, ehe es landeinwärts nach Aurich geht. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel der Wahl: flaches Land, ruhige Wege, gut ausgeschilderte Radrouten von Dorf zu Dorf. Wer kann, wählt einen Tag mit frischer Brise – eine Mühle mit drehenden Flügeln ist etwas völlig anderes als ein stillstehendes Denkmal. Öffnungszeiten vorher prüfen, denn die meisten Mühlen werden ehrenamtlich betreut. Und Zeit einplanen für eine echte Teetied, denn ohne die ist kein Tag in Ostfriesland vollständig. Wer mag, kombiniert die Mühlentour mit einem Abstecher an den Deich oder auf eine der ostfriesischen Inseln, um zu sehen, wie eng Wind, Wasser und Windmühlen in dieser Landschaft bis heute zusammengehören.
Auf der Karte
Alle hier erwähnten Mühlen und viele weitere zwischen Ems und Jadebusen findest du auf unserer interaktiven Karte. Zoome an die ostfriesische Küste heran und sieh, wie dicht die Markierungen über der Marsch liegen – und stelle dir daraus deine eigene Route zusammen. Ob ein Nachmittag in Greetsiel oder eine ganze Radwoche durch die Polder: Die Karte ist der beste Startpunkt für deine Mühlentour.