Upminster Windmill: Londons hölzerne Holländermühle und ihre zweite Chance
An der St Mary's Lane in Upminster, ganz am östlichen Rand von Groß-London, erhebt sich ein hoher, weiß verschalter Holzturm über die Dächer einer ganz gewöhnlichen Vorstadtstraße. Es ist die Upminster Windmill, eine Holländermühle mit hölzernem Achtkant, errichtet in den ersten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als ringsum noch offenes Ackerland der Grafschaft Essex lag. Über hundert Jahre lang drehten sich hier die Flügel und mahlten Getreide für die umliegenden Höfe; dann kam die Stadt, der Mahlbetrieb endete, und das Gebäude begann ein zweites Leben als eines der beliebtesten technischen Denkmäler der britischen Hauptstadt. Dass es diese Mühle überhaupt noch gibt, verdankt sie einer frühen Rettungsaktion und dem jahrzehntelangen Einsatz von Freiwilligen.
Eine Investition in unruhigen Zeiten
Ihre Existenz verdankt die Mühle James Noakes, einem ortsansässigen Bauern, der sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erbauen ließ. Der Zeitpunkt war klug gewählt: Großbritannien führte Krieg gegen das napoleonische Frankreich, die Getreidepreise standen hoch, und eine gut gelegene Kornmühle war ein solides Geschäft. Upminster war damals ein stilles Landkirchspiel im Süden von Essex, umgeben von Feldern, deren Ernten gemahlen werden mussten, und London, eine Tagesreise mit dem Fuhrwerk entfernt, bot einen unersättlichen Markt für Mehl und Schrot.
Bemerkenswert ist, wofür sich Noakes entschied. Er baute keine bescheidene Bockwindmühle, wie sie die englischen Dörfer seit Jahrhunderten versorgt hatte, sondern eine große Holländermühle, eine weitaus ehrgeizigere und teurere Anlage. Das war ein Bekenntnis zur Zukunft der örtlichen Landwirtschaft, und über mehrere Generationen hinweg sollte sich dieses Vertrauen auszahlen. Die Mühle blieb zunächst im Besitz der Familie Noakes, wechselte später den Eigentümer und arbeitete das gesamte neunzehnte Jahrhundert hindurch als gewerblicher Betrieb im Zentrum der dörflichen Wirtschaft.
Wie eine Holländermühle funktioniert
Im Englischen heißt dieser Mühlentyp smock mill, weil der sich nach oben verjüngende, vielseitige Holzturm an den Leinenkittel erinnerte, den Landarbeiter damals trugen. In Upminster hat der Turm acht Seiten: ein schweres Fachwerk aus Eichenbalken, außen mit gestrichenen Brettern verschalt und auf einen gemauerten Ziegelsockel gesetzt. Der große Vorteil gegenüber der älteren Bockwindmühle liegt darin, dass nur die Kappe ganz oben in den Wind gedreht werden muss und nicht der gesamte Mühlenkörper. Diese Kappe trägt die Flügelwelle und wird selbsttätig von einer Windrose nachgeführt, einem kleinen Windrad an der Rückseite, das auf jede Änderung der Windrichtung reagiert und die Kappe behutsam wieder in Position dreht.
Die Mühle besitzt vier Jalousieflügel mit beweglichen Klappen, die ähnlich wie eine Jalousie am Fenster arbeiten. Statt die Mühle anzuhalten, um Segeltuch aufzuspannen oder zu reffen, konnte der Müller sämtliche Klappen gleichzeitig verstellen: Bei einer Bö ließen die Flügel den Wind durch, bei Flaute fingen sie ihn wieder ein. Im Inneren läuft die Kraft der Flügel über eine mächtige stehende Welle und ein Getriebe aus Holz und Gusseisen nach unten und treibt dort mehrere Mahlgänge, Sackaufzüge und weitere Maschinen an, die sich über mehrere Stockwerke verteilen.
Dampfkraft und die Familie Abraham
Wind kostet nichts, ist aber unzuverlässig, und wie viele Mühlen des neunzehnten Jahrhunderts sicherte sich auch Upminster ab. Auf dem Gelände wurde eine Dampfmaschine aufgestellt, die die Flügel ergänzte, sodass auch bei Windstille gemahlen werden konnte und der Betrieb mit der wachsenden Nachfrage Schritt hielt. Müllerei war hier nie ein romantisches Hobby, sondern ein hartes Gewerbe, betrieben von Familien, die auf dem Anwesen lebten und arbeiteten, Getreide einkauften, Mahlsteine schärften und bei jedem Wetter Mehl auslieferten.
Am engsten verbunden mit der Mühle ist die Familie Abraham, die den Betrieb in den späten Jahrzehnten des Viktorianischen Zeitalters und darüber hinaus führte. Die Familie prägte das Geschäft so sehr, dass die Leute im Ort schlicht von Abraham's Mill sprachen, ein Name, der in Upminster bis heute in Erinnerung geblieben ist. Unter ihrer Leitung arbeitete die Mühle noch weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein gewerblich, lange nachdem die meisten englischen Windmühlen stillstanden, was ebenso für die Qualität der Technik wie für das Können der Müller spricht.
Das Ende des Mahlbetriebs und die Rettung von 1937
Was die Flügel schließlich zum Stillstand brachte, waren dieselben Kräfte, die das dörfliche Mühlenwesen im ganzen Land auslöschten. Riesige dampf- und später elektrisch betriebene Walzenmühlen in den Häfen erzeugten aus importiertem Getreide weit billigeres, weißeres Mehl, und die Eisenbahn verteilte es überallhin. Zugleich veränderte sich Upminster selbst bis zur Unkenntlichkeit: Der Bahnanschluss und der Wohnungsbauboom der Zwischenkriegszeit verwandelten das Kirchspiel aus Ackerland in einen Londoner Pendlervorort, und die Felder, für die die Mühle einst gemahlen hatte, verschwanden unter neuen Wohnstraßen.
In den 1930er Jahren endete der gewerbliche Mahlbetrieb, und der nutzlos gewordene Turm hätte leicht abgerissen werden können, um Bauland freizumachen. Stattdessen griff 1937 der Essex County Council ein und kaufte die Mühle, um sie zu erhalten – eine früh einsetzende und weitsichtige Tat der Industriedenkmalpflege. Die Verantwortung ging später auf die örtlichen Behörden über, und mit der Neuordnung der Londoner Verwaltungsgrenzen fand sich die Mühle im neu geschaffenen London Borough of Havering wieder, unter dessen Namen sie heute in den Denkmallisten geführt wird.
Bretterweise wiederaufgebaut
Erhaltung ist allerdings nie eine einmalige Angelegenheit; ein Holzbau, der dem englischen Wetter ausgesetzt ist, verlangt ständige Pflege. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Mühle in mehreren Etappen repariert, gelegentlich für Besucher geöffnet und von engagierten Anwohnern im Auge behalten. Aus diesem Kreis entstand mit der Zeit die Vereinigung der Friends of Upminster Windmill, eine Freiwilligengruppe, die sich der Erhaltung von Bauwerk und Maschinerie widmet und die Mühle regelmäßig der Öffentlichkeit zugänglich macht.
Das dramatischste Kapitel folgte in den letzten Jahren, als eine große, mit Mitteln der nationalen Lotterie geförderte Restaurierung die Probleme der Mühle an der Wurzel packte. Die Kappe wurde abgehoben, der hölzerne Achtkant Stück für Stück zerlegt, instand gesetzt und von spezialisierten Mühlenbauern wieder errichtet, wobei traditionelles Handwerk und moderne Ingenieurtechnik Hand in Hand gingen. Die originale Maschinerie wurde, wo immer möglich, konserviert statt ersetzt, sodass die heutige Mühle keine Nachbildung ist, sondern das echte, baulich gesundete Original. Daneben entstand ein Besucherzentrum, und archäologische Untersuchungen auf dem Gelände haben Aufschluss über die verschwundenen Nebengebäude gegeben, darunter die alte Dampfmühle, die sich einst um den Turm gruppierten.
Ein Besuch heute
Die Upminster Windmill ist ein eingetragenes Baudenkmal der höchsten Kategorie, geschützt im Rang Grade II*, der besonders bedeutenden Bauwerken vorbehalten bleibt. Sie ist zudem erstaunlich vollständig erhalten: Wer die Stockwerke hinaufsteigt, kann den gesamten Weg des Korns verfolgen, vom Sackaufzug über die Mahlgänge bis hinunter zu den Mehlkästen, umgeben von originalem Gebälk und Räderwerk. Nur wenige Windmühlen in Großbritannien bewahren so viel ihrer Arbeitsausstattung am ursprünglichen Ort.
Geöffnet wird die Mühle von ihren Freiwilligen an angekündigten Besuchstagen, mit Führungen, die Technik und Müllerfamilien lebendig werden lassen. Die Anreise ist denkbar einfach: Upminster liegt am östlichen Ende der District Line, und die Mühle steht nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt – der seltene Fall einer historischen Windmühle, die sich bequem mit der Londoner U-Bahn erreichen lässt. Für alle, die sich für Windkraft, ländliches Gewerbe oder schlicht eine großartige Londoner Überlebensgeschichte interessieren, lohnt sich der Ausflug ohne jeden Zweifel.
Auf der Karte
Die Upminster Windmill ist nur eine von Hunderten historischer Mühlen, die auf unserer interaktiven Karte verzeichnet sind. Zoomen Sie auf Groß-London, um zu sehen, wie wenige der einst zahlreichen Windmühlen der Hauptstadt übrig geblieben sind, und wandern Sie dann hinaus über Essex, Kent und das übrige England zu Bockwindmühlen, Turmwindmühlen und weiteren Holländermühlen in Ihrer Nähe. Jeder Kartenpunkt führt zu Angaben über Typ und Zustand der jeweiligen Mühle – der ideale Ausgangspunkt für die eigene Mühlentour.