Die Windmühlen von Consuegra: Ein tiefer Blick auf den berühmtesten Hügelkamm der Mancha
Wer von Toledo aus nach Süden über die weite, weizenfarbene Ebene der Mancha fährt, sieht Consuegra lange, bevor er die Stadt erreicht. Aus der flachen Landschaft erhebt sich unvermittelt ein kahler, dunkler Felsrücken, der Cerro Calderico, und auf seinem Kamm steht eine Reihe strahlend weißer Turmwindmühlen mit dunklen Kegeldächern und Gitterflügeln. Mitten unter ihnen thront eine mittelalterliche Burg. Zwölf Mühlen haben sich hier erhalten – eine der größten geschlossenen Mühlengruppen Spaniens – und zusammen bilden sie jene Kulisse, die Generationen von Lesern mit Cervantes und seinem Ritter von der traurigen Gestalt verbinden. Kaum ein anderer Ort verdichtet die Geschichte der Windmühle so eindrucksvoll auf wenigen hundert Metern Fels.
Ein Bergrücken über der Ebene
Die Geographie erklärt fast alles an diesem Ort. Die Mancha ist eine ausgedehnte Hochebene im Zentrum Spaniens: glühend heiß im Sommer, bitterkalt im Winter und vor allem windig. Wasserläufe, die das ganze Jahr über genug Kraft für Wassermühlen liefern könnten, gibt es kaum. Zugleich brachte die Ebene gewaltige Mengen an Weizen und Gerste hervor, die zu Mehl gemahlen werden mussten. Die Lösung war der Wind. Die Müller suchten sich jede Erhebung, die ihre Flügel in eine kräftigere, gleichmäßigere Strömung hob, und der Cerro Calderico ist dafür ein Lehrbuchbeispiel: ein langer, schmaler Grat, der frei aus der Ebene aufragt und dem Wind aus allen Richtungen ausgesetzt ist, während die Felder der Stadt unmittelbar zu seinen Füßen liegen. Die Bauern konnten ihre Getreidesäcke aus dem Ort hinauftragen, beim Müller warten und noch am selben Tag mit Mehl wieder absteigen. Was heute wie eine romantische Bühnenkulisse wirkt, war jahrhundertelang schlicht angewandte Technik: Der Bergrücken war der beste Maschinenständer, den die Gegend zu bieten hatte.
Wie eine Turmwindmühle der Mancha arbeitet
Die Mühlen von Consuegra gehören zur klassischen mediterranen Familie der Turmwindmühlen. Jede besteht aus einem gedrungenen, zylindrischen Turm aus Bruchstein, verputzt und leuchtend weiß gekalkt, gekrönt von einer kegelförmigen Haube aus Holz. Vier rechteckige Gitterflügel sitzen auf einer Flügelwelle, die durch die Haube läuft; im Arbeitsbetrieb wurden die Rahmen mit Segeltuch bespannt, das je nach Windstärke gesetzt oder gerefft wurde. Die Haube selbst ist drehbar: Mit Hilfe eines langen Balkens konnte der Müller das gesamte Dach samt Flügelkreuz in den Wind drehen. Kleine Fenster ziehen sich rings um das oberste Geschoss, damit der Müller Himmel und Wolken beobachten und abschätzen konnte, aus welcher Richtung der nächste Wind kommen würde. Innen ist die Mühle vertikal organisiert: Das Erdgeschoss diente als Lager und Kundenraum, die mittlere Ebene war Arbeits- und Wohnbereich des Müllers, und ganz oben sitzt die Maschinerie – die mächtige Flügelwelle, das Kammrad mit seinen hölzernen Zähnen und das Mahlsteinpaar, das das Korn tatsächlich zerrieb. Alles an dieser Bauweise ist sparsam und robust, gemacht für Jahrzehnte manchegischer Hitze, Fröste und Stürme.
Zwölf Mühlen mit eigenen Namen
Zu den liebenswertesten Eigenheiten Consuegras gehört, dass seine Mühlen Individuen sind und keine anonymen Denkmäler. Jede der zwölf trägt einen eigenen Namen, und viele davon stammen direkt aus dem Don Quijote. Da ist Sancho, benannt nach dem treuen Knappen des Ritters, und Rucio, nach Sancho Panzas Esel. Mambrino erinnert an die Barbierschüssel, die Don Quijote für einen verzauberten goldenen Helm hielt, während Clavileño seinen Namen von dem hölzernen Pferd hat, auf dem Ritter und Knappe durch die Lüfte zu fliegen glaubten. Caballero del Verde Gabán ehrt den besonnenen Ritter im grünen Mantel, dem Don Quijote unterwegs begegnet. Daneben stehen bodenständigere Namen wie Bolero, Mochilas, Vista Alegre, Cardeño, Alcancía, Chispas und Espartero. Die Mühle Bolero am stadtnahen Ende des Kamms beherbergt heute die Touristeninformation und ist meist die erste, die Besucher betreten. Der Schatz der Gruppe aber ist Sancho: Diese Mühle bewahrt ihr vollständiges historisches Mahlwerk, und zu besonderen Anlässen werden die Flügel bespannt und die Steine wieder in Gang gesetzt, sodass man zusehen kann, wie aus Korn Mehl wird – genau wie vor Jahrhunderten.
Cervantes, Don Quijote und die Riesen
Niemand kann auf diesem Kamm stehen, ohne an die berühmteste Windmühlenszene der Weltliteratur zu denken. Im achten Kapitel des ersten Teils des Don Quijote, erschienen 1605, lässt Miguel de Cervantes seinen verwirrten Ritter gegen eine Gruppe von Windmühlen anreiten, die er für ungeheuerliche Riesen hält – bis ihn ein sich drehender Flügel aus dem Sattel hebt. Cervantes siedelte seinen Roman ausdrücklich in der Mancha an, und die Turmwindmühlen, die damals noch eine vergleichsweise junge Erscheinung in der Ebene waren, erschienen ihm offenkundig als das perfekte Sinnbild der Region. Welche realen Mühlen der Autor vor Augen hatte, darüber streiten Forscher und lokale Rivalen bis heute; das nahe Campo de Criptana, das ebenfalls eine schöne Mühlengruppe bewahrt, meldet seinen Anspruch mit Begeisterung an. Consuegra erhebt keinen Alleinvertretungsanspruch – und hat ihn auch nicht nötig. Die Verbindung aus einem Dutzend Mühlen, einer Burg und einem offenen Horizont entspricht der Vorstellungswelt des Romans besser als jede Illustration, und die Benennung der Mühlen nach Figuren des Buches ist die liebevolle Art der Stadt, diese Schuld anzuerkennen. Die Riesen der Dichtung schenkten den sehr realen Maschinen ein zweites, literarisches Leben.
Die Burg der Johanniter
Auf halber Höhe des Kamms, umgeben von den Mühlen, steht das Castillo de la Muela, und seine Geschichte reicht viel weiter zurück als die der weißen Türme. Schon im Mittelalter krönte eine Festung diesen Felsen, als die Grenze zwischen christlichem und muslimischem Spanien durch diese Landstriche verlief und jede Anhöhe strategischen Wert besaß. Vom zwölften Jahrhundert an wurde die Burg zur großen Bastion der Johanniter, des geistlichen Ritterordens vom heiligen Johannes, und Consuegra wuchs zum Sitz des kastilischen Priorats des Ordens heran, der von hier aus ein ausgedehntes Gebiet von Dörfern und Ackerland verwaltete. Die Burg, die Besucher heute durchstreifen, mit ihren wuchtigen Rundtürmen und dem zentralen Kern, wurde nach langen Jahrhunderten des Verfalls sorgfältig restauriert. Gerade dieses Nebeneinander macht den Kamm einzigartig: Nirgendwo sonst in Spanien teilen sich eine mittelalterliche Burg und eine vollständige Mühlenreihe so eng einen einzigen Grat. Die beiden Bautypen scheinen einander sogar zu zitieren – runde Türme des Krieges neben runden Türmen des Brotes – und der Weg zwischen ihnen bietet ständig neue Kompositionen aus Stein, Kalk und Himmel.
Vom Arbeitsgerät zum lebendigen Denkmal
Die Mühlen von Consuegra wurden nicht als Zierde gebaut. Jahrhundertelang waren sie kleine Betriebe, jede geführt von einem Müller, der einen Anteil des Mehls als Lohn nahm und von seiner Kunst lebte, den Wind zu lesen. Ihr Niedergang kam, wie überall in Europa, mit der Industrialisierung: Dampfkraft, Elektrizität und große Walzenmühlen mahlten mehr Getreide, billiger und gleichmäßiger, und im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts kamen die Flügel eine nach dem anderen zum Stillstand. Gerettet hat den Kamm die früh gereifte Einsicht, dass diese Mühlen mehr bedeuten als Mehl. Die Stadt ließ die Türme instand setzen, hielt Hauben und Flügel in Ordnung und richtete in mehreren Mühlen kleine Museen und Handwerksräume ein. Heute ist die Gruppe als Teil des spanischen Kulturerbes geschützt und trägt Identität und Wirtschaft des Ortes. Ihren farbigsten Ausdruck findet die lebendige Tradition in der Fiesta de la Rosa del Azafrán, dem Safranrosenfest Ende Oktober, wenn Consuegra die Ernte seiner kostbaren Safrankrokusse mit Trachten, Wettbewerben und einem feierlichen Schaumahlen begeht, bei dem eine der historischen Mühlen vor Publikum Korn mahlt. Für ein paar Tage im Herbst ist der Kamm dann kein Denkmal mehr, sondern wieder ein Arbeitsplatz.
Auf der Karte
Die Windmühlen von Consuegra sind nur die berühmteste Gruppe in einer ganzen Konstellation erhaltener Mühlen, die sich über die Mancha und weit darüber hinaus verteilt. Auf unserer interaktiven Karte findest du jede der zwölf Mühlen auf dem Cerro Calderico, kannst sie mit der rivalisierenden Gruppe von Campo de Criptana vergleichen und dann hinauszoomen, um Turm-, Bock- und Holländerwindmühlen in ganz Spanien und der übrigen Welt aufzuspüren. Öffne die Karte, lege deine eigene Route über den Kamm und plane die Wanderung, die Don Quijote nie zu Ende gebracht hat.