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Berney Arms Windmill: Die höchste Entwässerungsmühle Norfolks, fernab jeder Straße

Wer die Berney Arms Windmill besuchen will, muss sich zuerst von einer Gewohnheit verabschieden: dem Auto. Keine öffentliche Straße führt zu diesem schwarzen Backsteinturm in den Halvergate Marshes im Osten der englischen Grafschaft Norfolk. Die Mühle steht am Nordufer des Flusses Yare, kurz bevor dieser sich in die weite Wasserfläche des Breydon Water ergießt, umgeben von nichts als Weidemarsch, Entwässerungsgräben und Himmel. Und sie steht dort nicht als bescheidenes Türmchen, sondern als Riese: Die Berney Arms Mill gilt als die höchste Entwässerungswindmühle Norfolks, ein Turm von etwa sieben Geschossen, der die flache Landschaft weithin beherrscht.

Ein Bahnsteig im Nirgendwo

Die Abgeschiedenheit der Mühle ist so vollkommen, dass sie selbst zur Sehenswürdigkeit geworden ist. Drei Wege führen hierher. Wanderer folgen dem Wherryman's Way, einem Fernwanderweg, der dem Yare zwischen Norwich und Great Yarmouth folgt. Bootsfahrer machen am Fluss fest, so wie es früher die Besatzungen der Lastsegler taten, die hier Fracht transportierten. Und Bahnreisende nutzen eine der kuriosesten Stationen Großbritanniens: Berney Arms, ein Bedarfshalt an der Strecke zwischen Norwich und Great Yarmouth, der kein Dorf bedient, sondern nur ein paar verstreute Gebäude in der Marsch. Der Halt geht auf eine Bedingung zurück, die ein Grundbesitzer im neunzehnten Jahrhundert stellte, als die Eisenbahn sein Land durchqueren wollte, und er zählt bis heute regelmäßig zu den am wenigsten genutzten Stationen des Landes. Wer hier aussteigt, steht auf einem nackten Bahnsteig im Grasland, und am Horizont wartet die Mühle.

Zement statt Wasser: ein ungewöhnlicher Anfang

Die größte Überraschung dieser Mühle liegt in ihrer Vorgeschichte, denn gebaut wurde sie gar nicht zur Entwässerung. Errichtet wurde der Turm um 1865 von der Mühlenbaufirma Stolworthy aus Great Yarmouth, und seine erste Aufgabe war industrieller Natur: Er mahlte Klinker für ein Zementwerk, das direkt am Fluss arbeitete. Das Geschäft hatte handfeste lokale Gründe. Der Schlamm, der aus dem Yare und dem Breydon Water gebaggert wurde, lieferte zusammen mit Kreide den Rohstoff für die Zementherstellung; gebrannt wurde in Öfen in unmittelbarer Nähe, und die Mühle zerkleinerte anschließend den Klinker zu Pulver, das per Schiff abtransportiert werden konnte. Das Land gehörte seit Langem der Familie Berney, die dem Ort seinen Namen gab. Erst als das Zementgeschäft gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts niederging, wurde der mächtige Turm auf jene Aufgabe umgestellt, die den Rest seines Arbeitslebens bestimmen sollte: Wasser aus der Marsch zu heben.

Sieben Geschosse über der Marsch

Die meisten Entwässerungsmühlen der Halvergate Marshes sind niedrige Türme von drei oder vier Stockwerken, gerade hoch genug, um über dem Schilf sauberen Wind zu fangen. Berney Arms spielt in einer anderen Liga. Der geteerte Backsteinturm trägt eine elegante bootsförmige Haube, jenes typische Norfolk-Profil, das den Regen abweist wie ein umgedrehter Schiffsrumpf. Auf der Haube sitzt ein Windrosenrad, das den gesamten Hut samt Flügeln automatisch in den Wind dreht, sobald dieser die Richtung wechselt. Die vier Jalousieflügel besitzen bewegliche Klappen, die sich verstellen ließen, ohne dass der Müller anhalten und Segeltuch aufziehen musste. Die ungewöhnliche Höhe verdankt der Turm seiner industriellen Herkunft, denn eine Zementmühle brauchte Platz für Mahlsteine und Maschinen. In der Marsch erwies sie sich jedoch als Vorteil: Weiter oben weht der Wind stärker und gleichmäßiger, und die Mühle hatte damit die Kraft, ein außergewöhnlich großes Schöpfrad anzutreiben.

Wie das Schöpfrad die Marsch trockenlegte

Eine Entwässerungsmühle ist im Grunde eine Pumpe in Gestalt einer Windmühle, und Berney Arms zeigt das klassische Prinzip der Region in schönster Klarheit. Das Regenwasser der tief liegenden Marschen sammelt sich in einem Netz von Gräben, deren Wasserspiegel unter dem des eingedeichten Flusses liegt; von allein kann es also nicht abfließen. Die Aufgabe der Mühle war es, das Wasser über dieses letzte Stück zu heben. Die Flügel trieben über eine Welle und Zahnräder am Fuß des Turms ein außen liegendes Schöpfrad an: ein großes, senkrecht stehendes Rad mit schräg gestellten Schaufeln, das in einer eng anliegenden gemauerten Rinne lief. Bei jeder Umdrehung schöpften die Schaufeln Wasser aus dem niedrigen Graben und hoben es in einen Kanal, der zum Fluss führte. Ein einfacher, robuster Mechanismus, und das Schöpfrad von Berney Arms ist bemerkenswert groß, ganz dem Maßstab des Turms entsprechend. Wer daneben steht, begreift die Logik der gesamten Broads-Landschaft an einer einzigen Maschine: Diese Marsch ist trocken, weil der Wind über Generationen hinweg Wasser bergauf beförderte.

Leben in der Einsamkeit

Berney Arms war nie ein Dorf im üblichen Sinn, aber bewohnt war der Ort durchaus. Marschbauern lebten das ganze Jahr über hier draußen, hüteten Rinder auf den Weiden, hielten Gräben und Schleusen instand und sorgten dafür, dass sich die Mühle drehte, wann immer das Wasser es verlangte. Das Wirtshaus am Fluss, das denselben Familiennamen trug, bewirtete die Besatzungen der Frachtsegler auf dem Weg zwischen Norwich und Yarmouth und später die Urlauber, die an ihre Stelle traten. Der winzige Bahnhalt brachte Vorräte und gelegentlich Besucher. Das Leben richtete sich nach Wind, Tide und Jahreszeit, nicht nach der Uhr einer Stadt. Im Winter, wenn Sturmfluten das Breydon Water aufwühlten und die Gräben randvoll standen, konnte die Mühle tage- und nächtelang durchlaufen; im Sommer weideten Tausende Rinder auf den Flächen, die sie trockenhielt. Die Menschen, die diese Mühle am Laufen hielten, gehörten zu einer eigenen Marschenkultur, die heute fast vollständig verschwunden ist. Die Mühle ist ihr solidester und sichtbarster Zeuge.

Bis 1948 im Dienst, seither geschützt

Bemerkenswert lange hielt die Berney Arms Mill durch: Bis 1948 hob sie Wasser mit Windkraft, zu einer Zeit, als elektrische und dieselbetriebene Pumpen die Arbeit auf den Broads längst fast überall übernommen hatten. Anders als Dutzende ihrer kleineren Nachbarinnen wurde sie nicht dem Verfall überlassen, sondern kam in staatliche Obhut und wird heute von English Heritage betreut. Erhalten ist nicht nur der Turm, sondern der gesamte Charakter der Maschine: Haube, Windrose, Flügel, das innere Räderwerk und das äußere Schöpfrad. Die Zugangsregelungen haben sich über die Jahre mehrfach geändert, und zeitweise war die Mühle wegen Konservierungsarbeiten geschlossen; wer das Innere besichtigen möchte, sollte sich daher vorab über die aktuellen Öffnungszeiten informieren. Doch schon das Äußere lohnt die Anreise, und die umliegenden Marschen, heute Teil der Broads und international bedeutsam für überwinternde Wasservögel, sind für sich genommen ein Ziel.

Der schönste Weg dorthin

Am eindrucksvollsten ist ein Besuch, wenn man die Abgeschiedenheit zum Teil des Erlebnisses macht. Wanderer sehen den Turm vom Wherryman's Way aus langsam am Horizont wachsen und verstehen dabei, warum diese Mühlen einst als Landmarken für die Flussschifffahrt dienten. Bootsfahrer erleben die Mühle so, wie die alten Frachtsegler sie sahen: vom Wasser aus, das sie beherrschen sollte. Bahnreisende bekommen die reinste Form der Ankunft, einen Bedarfshalt, einen leeren Bahnsteig und einen Fußweg durch offenes Weideland mit Feldlerchen über dem Kopf. Verbindet man die Mühle mit dem weiten Blick über das Breydon Water, wo Yare und Waveney zusammenfließen, ergibt sich eine der schönsten Landschaftswanderungen Ostenglands. Gerade an klaren Wintertagen, wenn Gänse und Watvögel zu Tausenden über der Mündung stehen, zeigt sich, warum diese scheinbar leere Landschaft zu den eindrucksvollsten des Landes zählt.

Auf der Karte

Berney Arms ist nur ein Fixpunkt in der dichtesten Ansammlung von Entwässerungswindmühlen Großbritanniens, denn die Halvergate Marshes sind übersät mit Türmen in jedem Zustand zwischen restauriert und ruinös. Wer nachvollziehen möchte, wie sie zu den Flüssen, Gräben und Marschebenen stehen, die sie einst trockenhielten, öffnet unsere interaktive Karte, zoomt auf die Norfolk Broads zwischen Norwich und Great Yarmouth und folgt der Linie der Mühlen entlang des Yare. Jeder Marker führt zu Details der jeweiligen Mühle, sodass sich Wanderung, Bootstour oder Bahnfahrt bequem planen lassen.