Sibsey Trader Mill: Der sechsflüglige Riese der Fens von Lincolnshire
Wer von Boston aus die Landstraße nach Norden Richtung Skegness nimmt, sieht kurz hinter dem Dorf Sibsey einen schwarzen Backsteinturm aus der flachen Fenlandschaft von Lincolnshire aufragen. Was den Blick festhält, ist aber nicht der Turm selbst, sondern das, was sich über ihm dreht: sechs Flügel, angeordnet wie die Speichen eines gewaltigen Rades – wo fast jede andere englische Windmühle mit vieren auskommt. Das ist die Sibsey Trader Mill, erbaut 1877, eine der ganz wenigen erhaltenen sechsflügligen Windmühlen Englands. Und mehr noch: Sie wurde in betriebsfähigen Zustand zurückversetzt und mahlt bis heute Mehl allein mit der Kraft des Windes.
Warum überhaupt sechs Flügel?
Dass sich vier Flügel als Standard der europäischen Windmühle durchsetzten, hat einen einfachen Grund: Zwei gekreuzte Ruten, die durch den Kopf der Flügelwelle gesteckt werden, ergeben vier Arme mit einem Minimum an Zimmermannsarbeit. Alles darüber hinaus verlangt ein gusseisernes Flügelkreuz, eine Nabe, in die jeder Flügel einzeln eingesetzt wird. Als der Eisenguss im neunzehnten Jahrhundert ausgereift war, erkannten ehrgeizige Mühlenbauer, dass sich an einer einzigen Welle auch fünf, sechs oder gar acht Flügel befestigen ließen. Mehr Flügel bedeuteten mehr Segelfläche im Wind, einen ruhigeren Lauf und die Fähigkeit, schon bei schwächerer Brise nutzbringend zu arbeiten – im harten Konkurrenzkampf des Müllereigewerbes ein echter Vorteil. Lincolnshire wurde zum Kernland dieser vielflügligen Tradition: Die Grafschaft besaß einst eine ganze Familie von fünf-, sechs- und achtflügligen Mühlen, von denen heute nur noch eine Handvoll steht. Die Sibsey Trader Mill gehört zu den schönsten, und gerade ihre Sechsflügligkeit macht sie national bedeutsam. Ein sechsflügliges Kreuz hat zudem eine kuriose praktische Eigenschaft: Wird ein Flügel beschädigt, kann man den gegenüberliegenden abnehmen, und die Mühle läuft mit vieren weiter – etwas, das eine vierflüglige Mühle mit zweien niemals könnte.
Spät gebaut, gut gebaut: die Saundersons aus Louth
Errichtet wurde die Mühle 1877 von der Firma Saunderson, Mühlenbauern aus Louth, einer Marktstadt am Ostrand der Lincolnshire Wolds. Zu diesem Zeitpunkt war das Ende der Windkraft eigentlich schon absehbar: Dampfmühlen breiteten sich rasch aus, und wenige Jahrzehnte später sollten riesige Walzenmühlen in den Hafenstädten die Landmüller vollends verdrängen. Genau dieser Kontext macht die Trader Mill so faszinierend. Sie war für ihre Zeit eine durch und durch moderne Industriemaschine – aus Backstein gemauert, mit eisernem Getriebe und den neuesten arbeitssparenden Raffinessen ausgestattet –, errichtet fast im letzten Moment, in dem sich eine solche Investition noch rechnen konnte. Die Saundersons zählten zu den angesehensten Mühlenbauern einer Grafschaft, die daran wahrlich keinen Mangel hatte, und ihre Arbeit zeigt es: Die Proportionen des sich verjüngenden Turms, die saubere Detaillierung der Haube und die selbstbewusste Konstruktion des sechsarmigen Flügelkreuzes verraten eine Werkstatt auf der Höhe ihres Könnens. Die neue Mühle ersetzte eine ältere Bockwindmühle, die zuvor an dieser Stelle gestanden hatte – ein typisches Muster des neunzehnten Jahrhunderts, als wohlhabende Müller ihre hölzernen Bockmühlen gegen höhere, leistungsfähigere Backsteintürme eintauschten.
Der Lincolnshire-Stil: geteerter Backstein und Zwiebelhaube
Die Sibsey Trader Mill ist ein Lehrbuchbeispiel des klassischen Mühlenstils von Lincolnshire. Der Turm besteht aus Backstein und ist mit schwarzem Teer gestrichen – eine praktische Abdichtung gegen den Regen, die diesen Mühlen ihre unverwechselbare dunkle Silhouette vor dem weiten Fenland-Himmel verleiht. Darauf sitzt eine weiß gestrichene Haube mit dem eleganten zwiebelförmigen Profil, das im Englischen ogee cap heißt, gekrönt von einer Kugel als Abschluss – ein Markenzeichen des Mühlenbaus von Lincolnshire, an dem man die Mühlen der Grafschaft sofort erkennt. Hinter der Haube dreht sich eine Windrose, ein kleines Hilfswindrad, das quer zu den Flügeln montiert ist. Dreht der Wind, fängt die Windrose ihn auf und dreht die gesamte Haube langsam so weit, bis die Flügel wieder genau im Wind stehen – vollkommen selbsttätig. Die Flügel selbst sind Jalousieflügel: Statt von Hand aufgespannter Segeltücher tragen sie Reihen beweglicher Klappen, deren Öffnung sich verstellen lässt, ohne die Mühle anzuhalten. So konnte der Müller die Leistung auch bei böigem Wetter regulieren. Jedes dieser Elemente – Teer, Zwiebelhaube, Windrose, Jalousieflügel – ist eine über Generationen verfeinerte Lösung, und in Sibsey sind sie alle gemeinsam als vollständiges, stimmiges System erhalten.
Im Inneren des Turms: wie die Mühle arbeitet
Betritt man die Mühle, erschließt sich die Logik einer Turmwindmühle in der Vertikalen. Das Getreide kommt unten an und wird mit dem Sackaufzug – der selbst vom Wind angetrieben wird – nach oben befördert; von dort erledigt die Schwerkraft den weiteren Transport kostenlos. Hoch oben in der Haube drehen die Flügel die Flügelwelle, auf der das große Kammrad sitzt. Es greift in den Bunkler, das erste Zahnrad der Königswelle, die wie ein Rückgrat mitten durch den Turm nach unten läuft. Weiter unten treibt die Königswelle das große Stirnrad, von dem kleinere Ritzel die Kraft zu den Mahlgängen abzweigen. Die Steine arbeiten paarweise: unten der feststehende Bodenstein, darüber der rotierende Läuferstein, deren Flächen mit einem Muster von Rillen geschärft sind, die das Korn zerschneiden und das Mehl nach außen zum Rand fegen, wo es durch eine Rutsche ins darunterliegende Stockwerk fällt, um gesiebt und abgesackt zu werden. Die eigentliche Kunst des Müllers lag im Justieren: den Spalt zwischen den Steinen haargenau einstellen, die Kornzufuhr der Windstärke anpassen, unablässig auf den Klang des Räderwerks hören. Eine gut geführte Mühle, so sagten die alten Müller, erkenne man vom Hof aus mit geschlossenen Augen.
Mahlen am Rand der Fens
Sibsey liegt am Nordrand der Fens, jener weiten Niederungsebene Ostenglands, die über Jahrhunderte trockengelegt und zu einigen der fruchtbarsten Ackerböden Großbritanniens gemacht wurde. Die Geographie erklärt die Mühle vollkommen. Das Land ist tischeben, der Wind fegt ungebremst darüber hinweg – ideale Bedingungen für eine hohe Turmwindmühle. Und die entwässerten Fens brachten Getreide in gewaltigen Mengen hervor, vor allem Weizen und Hafer, das für die Höfe, Bäckereien und Haushalte der Gegend gemahlen werden musste. Die nahe Hafen- und Marktstadt Boston mit ihrem berühmten Kirchturm, dem Boston Stump, war das wirtschaftliche Zentrum dieses Kornlandes. Eine Mühle an der Hauptstraße kurz vor Boston lag hervorragend, um neben dem eigenen Kirchspiel auch die Kundschaft der Durchreisenden zu bedienen – und genau so wird der Name Trader Mill gewöhnlich erklärt: eine Mühle, die für den Handel mahlte und nicht nur für ein einzelnes Gut oder Dorf. Im neunzehnten Jahrhundert waren Windmühlen wie diese die unverzichtbaren Verarbeitungsbetriebe der ländlichen Wirtschaft, so alltäglich und so lebenswichtig, wie es andernorts später Getreidesilo oder Molkereigenossenschaft sein sollten.
Niedergang, Rettung und ein arbeitsreicher Ruhestand
Das zwanzigste Jahrhundert ging brutal mit den Windmühlen um. Die Walzenmüllerei konzentrierte die Mehlproduktion in riesigen dampf- und später elektrisch betriebenen Werken an den Häfen, und eine Landmühle nach der anderen verstummte, verlor ihre Flügel, verfiel oder wurde umgebaut. Die Sibsey Trader Mill hielt länger durch als die meisten und mahlte zuletzt noch Viehfutter, ehe der gewerbliche Windmühlenbetrieb um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts endgültig endete. Gerettet hat sie die Verbindung aus Seltenheit und rechtzeitigem Eingreifen: Als eine der letzten sechsflügligen Mühlen des Landes wurde sie als Denkmal von nationaler Bedeutung anerkannt, unter Schutz gestellt und in staatliche Obhut genommen – heute wird sie von English Heritage betreut. Die Restaurierung versetzte die Mühle wieder in betriebsfähigen Zustand, und dieses Wort ist entscheidend. Die Sibsey Trader Mill ist kein starres Museumsstück: An Mahltagen wird die Bremse gelöst, sechs Flügel greifen den Fenland-Wind, und aus den Rutschen rieselt wieder steingemahlenes Mehl, das an Besucher verkauft wird, ganz wie einst an die Bauern der viktorianischen Zeit. Ein Teestübchen und die erhaltenen Nebengebäude vervollständigen einen Ort, an dem sich die ganze Geschichte einer Landmühle noch an einem einzigen Platz ablesen lässt.
Auf der Karte
Die Sibsey Trader Mill ist ein Höhepunkt jeder Mühlenreise durch Ostengland – und sie hat bemerkenswerte Nachbarn: In Lincolnshire stehen auch die achtflüglige Mühle von Heckington und eine weitere sechsflüglige Überlebende in Waltham, was die Grafschaft für alle, die sich für vielflüglige Mühlen begeistern, schlicht unumgänglich macht. Sie finden die Sibsey Trader Mill und alle ihre Nachbarn auf unserer interaktiven Karte, können dort eine Route durch die Fens planen und Hunderte weiterer historischer Windmühlen in Großbritannien und der ganzen Welt entdecken.