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Brixton Windmill: Die schwarze Turmwindmühle mitten in London

Wer am Brixton Hill im Süden Londons in die kleine Wohnstraße Blenheim Gardens einbiegt, steht unvermittelt vor einem der merkwürdigsten Anblicke der britischen Hauptstadt: einer vollständigen, schwarz geteerten Turmwindmühle mit Flügeln, eingerahmt von viktorianischen Reihenhäusern, einer Gefängnismauer und Wohnblöcken der Nachkriegszeit. Die Brixton Windmill, über hundert Jahre lang schlicht als Ashby's Mill bekannt, wurde 1816 errichtet, als diese Ecke des heutigen Stadtbezirks Lambeth noch offenes Ackerland war. Sie gehört zu den ganz wenigen Windmühlen, die im inneren London überhaupt erhalten geblieben sind, und ihre Geschichte erzählt im Kleinen, wie eine ländliche Industrie von der wachsenden Metropole verschluckt wurde – und trotzdem überlebt hat.

Kornfelder vor den Toren der Hauptstadt

Es kostet heute einige Vorstellungskraft, sich die Lage von 1816 auszumalen. Brixton, wie wir es kennen, existierte schlicht noch nicht. Das Land südlich der Themse gehörte damals zur ländlichen Grafschaft Surrey: Marktgärten, Wiesen, Hecken, Feldwege und verstreute Gehöfte, die die wachsende Hauptstadt mit Lebensmitteln versorgten. Eine Windmühle auf dieser sanften Anhöhe war eine naheliegende Geschäftsidee. Der Wind strich ungehindert über die Felder, das Getreide kam aus der Umgebung, und das brothungrige London lag nur eine kurze Fuhrwerksfahrt entfernt. Im frühen neunzehnten Jahrhundert war die Hauptstadt von einem ganzen Kranz von Mühlen umgeben, die Tag für Tag Mehl für die Bäcker einer Stadt lieferten, die schneller wuchs als jede andere in Europa. Die neue Mühle von Brixton war ein Glied in dieser Versorgungskette. Niemand, der damals zwischen den Kornfeldern stand, hätte geahnt, dass die Stadt eines Tages bis vor die Tür der Mühle rücken und ihr buchstäblich den Wind nehmen würde.

Anatomie einer Turmwindmühle

Die Brixton Windmill gehört zum robustesten der klassischen Mühlentypen: der Turmwindmühle. Anders als bei der älteren Bockwindmühle, bei der der gesamte hölzerne Mühlenkörper um einen zentralen Pfosten in den Wind gedreht werden muss, steht hier ein fester, konisch zulaufender Turm aus Backstein, und nur die Haube ganz oben ist drehbar. Die Haube trägt die Flügelwelle und die vier Flügel, und es ist ungleich einfacher und sicherer, nur diesen obersten Abschnitt zu drehen als ein ganzes Gebäude. Der große Vorteil dieser Bauweise liegt in ihrer Dauerhaftigkeit: Ein gemauerter Turm übersteht Stürme, die eine Holzmühle zerlegen könnten, und bietet im Inneren mehrere Böden für Getreidekästen, Mahlgänge und Siebmaschinen. Ihren markanten schwarzen Anstrich verdankt die Mühle dem Teer, mit dem das Mauerwerk gegen Regen abgedichtet wurde – eine praktische Behandlung, die vielen englischen Turmmühlen ihr düsteres, unverwechselbares Aussehen verleiht. Im Inneren folgt alles einer klaren Logik von oben nach unten: Die Windkraft tritt an der Haube ein, wird über Wellen und Zahnräder auf eine senkrechte Königswelle übertragen und treibt darunter die Mahlsteine an, während die Schwerkraft das Korn nach unten und das Mehl in die Säcke befördert.

Die Ashbys: eine Müllerdynastie

Nur wenige historische Mühlen sind so eng mit einer einzigen Familie verbunden. Die Mühle wurde für John Ashby gebaut, und von 1816 bis 1934 mahlten hier nacheinander mehrere Generationen der Familie – eine erstaunliche Kontinuität für jedes Unternehmen, erst recht in einer Stadt, die sich so rasant veränderte wie das London des neunzehnten Jahrhunderts. Die Ashbys waren Müller alter Schule: Sie mahlten das Korn zwischen Mühlsteinen zu Vollkornmehl, und ihr Name blieb am Gebäude haften, lange nachdem Reiseführer begonnen hatten, von der Brixton Windmill zu sprechen. Das Müllerhandwerk verlangte Geduld und Können zu gleichen Teilen. Ein Müller musste ständig das Wetter lesen, die Besegelung der Flügel der Windstärke anpassen, die Steine regelmäßig schärfen, damit sie schnitten statt quetschten, und nebenbei ein kleines Geschäft mit Lieferanten und Kunden führen. Dass die Ashbys all das offenkundig gut beherrschten, erklärt auch, warum das Gebäude überhaupt erhalten blieb: Eine Mühle in der Hand einer engagierten Familie wird gepflegt, repariert und angepasst, statt beim ersten Abschwung aufgegeben zu werden.

Als die Stadt der Mühle den Wind stahl

Die große Krise der Mühle kam nicht als Feuer oder Sturm, sondern in Gestalt von Ziegeln und Mörtel. Ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dehnte sich London mit atemberaubender Geschwindigkeit nach Süden aus. Eisenbahnen und Pferdeomnibusse verwandelten Dörfer wie Brixton in Vororte für Pendler, und Bauunternehmer füllten die Felder mit Reihenhäusern. Für die meisten Bewohner war das Fortschritt; für eine Windmühle war es langsames Ersticken. Jede neue Häuserzeile raubte den Flügeln ein wenig mehr Wind, bis die Mühle Anfang der 1860er Jahre nicht mehr zuverlässig mit Windkraft arbeiten konnte. Die Ashbys reagierten pragmatisch statt sentimental: Sie verlegten ihren Mahlbetrieb in eine Wassermühle im nahen Mitcham am Fluss Wandle, wo die Antriebskraft weiterhin verlässlich floss. Der Turm in Brixton verlor mit der Zeit seine Flügel und diente als Lager – ein Wahrzeichen ohne Aufgabe zwischen den neuen Straßenzügen. Für die meisten städtischen Windmühlen war ein solches Schicksal das Ende; in Brixton erwies es sich ausnahmsweise nur als Zwischenspiel.

Dampf, Gas und ein zweites Arbeitsleben

Um 1902 nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung: Die Familie kehrte in ihren alten Turm am Brixton Hill zurück. An Windbetrieb war längst nicht mehr zu denken, also rüsteten die Ashbys die Mühle mit maschinell angetriebenen Mahlgängen aus – zunächst mit Dampfkraft, später mit einem Gasmotor – und setzten sie wieder in Gang. Die Flügel drehten sich in dieser Zeit nicht, aber das Gebäude erfüllte erneut genau den Zweck, für den es gebaut worden war: Es lieferte Vollkornmehl für Kunden mitten in einer modernen Großstadt. Dieses zweite Arbeitsleben dauerte bemerkenswert lange. Erst 1934, mit dem Tod des letzten mahlenden Ashby, kam der Betrieb endgültig zum Erliegen. Man muss sich das vor Augen führen: Im Zeitalter des Automobils, des Radios und der Londoner U-Bahn arbeitete in einem Mühlenturm aus der Regierungszeit Georgs III. noch immer eine funktionierende Getreidemühle. Nur wenige Industriebauten können auf einen derart hartnäckigen, ungebrochenen roten Faden verweisen.

Stillstand, Denkmalschutz und Rettung

Nach 1934 verstummte die Mühle, und der Verfall setzte ein, wie bei so vielen ausgedienten Mühlen im Großbritannien jener Jahre. Gerettet wurde sie durch eine Mischung aus öffentlicher Zuneigung und öffentlichem Eigentum. Das Gebäude wurde als Bauwerk von herausragendem historischem Interesse anerkannt und als Grade II* unter Denkmalschutz gestellt, eine Einstufung, die es zu den bedeutenderen geschützten Bauten des Landes zählt. 1957 kaufte der London County Council die Mühle, und das umliegende Gelände wurde als öffentliche Grünanlage angelegt, die den passenden Namen Windmill Gardens erhielt. 1964 folgte eine Restaurierung, bei der der Turm neue Flügel bekam und – bemerkenswert genug – funktionsfähige Mühlentechnik eingebaut wurde, die aus einer verfallenen Windmühle in Burgh-le-Marsh in der Grafschaft Lincolnshire geborgen worden war. Besucher konnten fortan im Inneren wieder Mahlsteine, Zahnräder und Wellen so angeordnet sehen, wie es zu Zeiten der Ashbys gewesen sein muss.

Wieder Mehl aus Brixton

Restaurierung ist allerdings nie abgeschlossen; sie ist ein Versprechen, das erneuert werden muss. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts war die Mühle erneut heruntergekommen und für Besucher geschlossen. Die Antwort kam diesmal aus den umliegenden Straßen: Anwohner gründeten die Freiwilligengruppe Friends of Windmill Gardens, die beharrlich für Reparatur und Wiedereröffnung kämpfte. Mit Fördermitteln des Heritage Lottery Fund wurde die Mühle 2010 und 2011 umfassend instand gesetzt und 2011 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Seither wird in Brixton tatsächlich wieder Mehl gemahlen: Freiwillige betreiben die Mahlgänge, und das Mehl aus der Mühle wird in der Nachbarschaft verkauft und verbacken – eine bescheidene, aber echte Arbeitsverbindung zurück ins Jahr 1816. An offenen Tagen führen die Freiwilligen Besucher durch die Böden des Turms bis unter die Haube, Schulklassen lernen hier, woher Mehl eigentlich kommt, und der Park ringsum dient als Bühne für Feste und Veranstaltungen des Viertels. Die Anreise ist einfach: Die Mühle steht wenige Schritte vom Brixton Hill entfernt, einen kurzen Fußweg oder eine Busfahrt von der U-Bahn-Station Brixton.

Auf der Karte

Die Brixton Windmill beweist, dass Mühlengeschichte nicht nur auf dem offenen Land zu Hause ist – sie versteckt sich auch mitten in den größten Städten der Welt. Auf unserer interaktiven Karte finden Sie diese Mühle zusammen mit Tausenden weiterer erhaltener Turm-, Bock- und Holländermühlen in Großbritannien und rund um den Globus. Zoomen Sie in den Süden Londons hinein, um zu sehen, wie nah die Flügel an der U-Bahn stehen, und entdecken Sie anschließend, welche unwahrscheinlichen städtischen Überlebenden in Ihrer eigenen Nähe warten.