Windmühlen in Kent: Eine Rundreise zu Smock Mills und Bockwindmühlen
Wer von Süden her nach Cranbrook hineinfährt, mitten im waldreichen Weald von Kent, sieht sie schon von weitem: die Union Mill, eine weiß verschalte Holzmühle aus dem Jahr 1814, die als höchste Mühle ihrer Bauart in England gilt. Sie ist das prächtigste Stück einer erstaunlichen Sammlung. Kent, der sogenannte Garten Englands, war über Jahrhunderte ein Land der Windmüller, und bis heute stehen Dutzende Mühlen in der Grafschaft – restauriert, gepflegt und in einigen Fällen sogar wieder mahlend. Diese Rundreise folgt den beiden großen kentischen Mühlentypen, der hölzernen Smock Mill und der Bockwindmühle, vom Weald bis an die Küste von Thanet.
Die Grafschaft der Windmühlen
Dass Kent so viele Mühlen besaß, ist kein Zufall, sondern Geographie. Auf den Kreidehöhen der North Downs, im Weald und an den Rändern der Marschen wurde reichlich Getreide angebaut, und direkt vor der Haustür lag mit London der größte Mehlmarkt der damaligen Welt. Windmühlen sind in England seit dem späten zwölften Jahrhundert belegt, und auf dem Höhepunkt des Getreidehandels im neunzehnten Jahrhundert haben in Kent im Laufe der Zeit mehrere hundert Mühlen gearbeitet. Fast jedes größere Dorf hatte seine Mühle, oft auf dem Dorfanger oder einem windigen Höhenrücken, wo sie zugleich als Landmarke für Reisende und, in Küstennähe, für Seeleute diente. Sogar die Sprache erzählt davon: In Kent und im benachbarten Sussex nennt man die Flügel einer Windmühle traditionell sweeps, ein Wort, das man von den ehrenamtlichen Mühlenführern bis heute hört. Als Dampfkraft und später die großen Walzenmühlen der Häfen das Windmüllern unrentabel machten, ließen die meisten Grafschaften ihre Mühlen verfallen. Kent dagegen rettete einen bemerkenswert großen Teil seiner besten Mühlen, dank früher Denkmalpflege durch Kommunen, Stiftungen und hartnäckige Einzelpersonen.
Bockwindmühlen: das älteste Prinzip
Die Bockwindmühle, auf Englisch post mill, ist die älteste Form der europäischen Windmühle, und ihr Prinzip ist verblüffend einfach: Der gesamte hölzerne Mühlenkasten samt Mahlwerk ruht auf einem einzigen gewaltigen Ständer und wird als Ganzes in den Wind gedreht. Der Ständer wird von einem Bock aus Kreuzschwellen und Streben getragen, der bei vielen kentischen Mühlen offen der Witterung ausgesetzt blieb, statt in einem Rundhaus zu verschwinden. Es ist eine mittelalterliche Konstruktion – und doch baute Kent noch im viktorianischen Zeitalter Bockwindmühlen. Das berühmteste Beispiel steht in Chillenden zwischen Canterbury und Sandwich: eine Bockwindmühle mit offenem Bock, errichtet erst 1868 und damit eine der letzten ihrer Art, die in England überhaupt gebaut wurden. Ihre Geschichte zeigt zugleich, wie verletzlich diese Holzbauten sind: Ein Sturm warf die alte Mühle im Jahr 2003 um, und was heute auf dem flachen Rücken steht, ist ein sorgfältiger Wiederaufbau an derselben Stelle. Anderswo in der Grafschaft wacht die schwarz verschalte Bockwindmühle von Rolvenden über die Dorfstraße, und die Stocks Mill in Wittersham auf der Isle of Oxney, eine Bockwindmühle aus dem achtzehnten Jahrhundert, zeigt den Typ in seiner älteren, wettergegerbten Würde.
Die Smock Mill: Kents hölzerne Spezialität
Ist die Bockwindmühle der mittelalterliche Überlebende, so ist die Smock Mill die eigentliche Handschrift Kents. Gemeint ist ein hölzerner Turm, meist achteckig, der sich nach oben verjüngt und mit überlappenden Brettern verschalt ist; nur die Kappe an der Spitze dreht sich mit den Flügeln in den Wind, der Rumpf bleibt fest stehen. Der Name kommt von einem Kleidungsstück: Mit ihren schrägen, hellen Seiten erinnerte die Mühle an einen Bauern im leinenen Kittel, dem smock. Für Kent war dieser Typ wie geschaffen. Der Weald blickte auf Jahrhunderte hochentwickelter Zimmermannskunst zurück, Holz war für einen hohen Turm billiger als Ziegel oder Stein, und ein Holzturm ließ sich hoch genug bauen, um über Bäumen und Dächern sauberen Wind zu fangen. Viele kentische Smock Mills stehen auf einem gemauerten Sockel von einem oder mehreren Geschossen, der Lagerraum und zusätzliche Höhe bot. Während man diese Mühlen andernorts oft schwarz teerte, entwickelte Kent eine Vorliebe für weißen Anstrich – deshalb leuchten so viele Mühlen der Grafschaft vor dem Himmel. Örtliche Mühlenbauerfirmen, allen voran Holman aus Canterbury, errichteten und warteten diese Türme über Generationen, und ihrem Handwerk ist es zu verdanken, dass so viele bis heute stehen.
Die Union Mill in Cranbrook
Jede Mühlenreise durch Kent führt früher oder später nach Cranbrook. Die Union Mill wurde 1814 für Henry Dobell errichtet und von Anfang an groß gedacht: ein hoch aufragender weißer Achtkantturm auf gemauertem Sockel, der das Städtchen im Weald bis heute überragt. Dobell hatte wenig Freude daran – er ging schon nach wenigen Jahren bankrott, und der Überlieferung nach verdankt die Mühle ihren Namen dem Zusammenschluss der Gläubiger, der sie danach betrieb. Später kam sie in die Hände der Müllerfamilie Russell, die sie über Generationen bewirtschaftete. Die Mühle ist so gründlich restauriert worden, dass sie in betriebsfähigem Zustand erhalten ist; an offenen Tagen drehen sich ihre Flügel wieder. Vom Kirchhof oder von den umliegenden Gassen aus betrachtet ist sie ein überwältigender Anblick und gilt vielen nicht nur als höchste, sondern auch als schönste Mühle ihrer Art in England. Wer nur Zeit für eine einzige kentische Windmühle hat, sollte diese wählen.
Unterwegs im Osten: Herne, Sarre und die Küste
Die dichteste Häufung lohnender Mühlen findet sich im Osten der Grafschaft. Die Herne Mill oberhalb des Dorfes Herne bei Herne Bay ist eine Smock Mill aus dem Jahr 1789 und damit eine der ältesten erhaltenen ihrer Bauart in Kent, seit langem von Freiwilligen betreut. Auf der einstigen Insel Thanet steht in Margate die Draper's Mill, eine schöne Smock Mill aus der Werkstatt der Mühlenbauer Holman in Canterbury; sie wurde im zwanzigsten Jahrhundert vor dem Abriss bewahrt, restauriert und öffnet in den Sommermonaten für Besucher. In Sarre, an der alten Straße über den früheren Wantsum-Kanal nach Thanet, wurde die Smock Mill wieder in Gang gesetzt und hat in jüngerer Zeit erneut Mehl gemahlen – eine seltene Gelegenheit, eine kentische Mühle bei der Arbeit zu erleben. Wenige Kilometer weiter bewahrt die White Mill am Rand von Sandwich, eine Smock Mill aus dem achtzehnten Jahrhundert, ihr Mahlwerk als Herzstück eines kleinen ländlichen Museums. Zusammen ergeben diese vier Mühlen eine bequeme Tagesrunde durch Obstgärten und Marschland, mit Canterbury praktischerweise in der Mitte.
Späte Riesen der viktorianischen Zeit
Eine der Überraschungen der kentischen Mühlengeschichte ist, wie spät hier noch mit Holz und Wind gebaut wurde. Davison's Mill in Stelling Minnis, hoch auf den Downs südlich von Canterbury, ist eine Smock Mill von 1866 und zählt zu den letzten in Kent errichteten Windmühlen; bemerkenswerterweise mahlte sie noch bis tief ins zwanzigste Jahrhundert gewerblich. Die Willesborough Windmill am Rand von Ashford folgte 1869, eine große weiße Smock Mill, die heute restauriert mitten im gewachsenen Stadtgebiet steht und von Ehrenamtlichen für Besucher geöffnet wird. Auch die Bockwindmühle von Chillenden aus dem Jahr 1868 gehört zu diesem Spätsommer des Mühlenbaus. Damals breiteten sich bereits Dampfmühlen aus, und die industriellen Walzenmühlen der Häfen standen vor der Tür – diese späten Mühlen entstanden also gegen den Strom der Geschichte. Dass sie überhaupt gebaut wurden, sagt viel über die zähe Ökonomie des ländlichen Mahlens und darüber, wie fest die Windmühle im Alltag der Grafschaft verankert war.
Praktische Hinweise für die Rundreise
Ein praktisches Wort für alle, die dieser Route folgen möchten. Die meisten erhaltenen Mühlen in Kent werden von Stiftungen oder Freiwilligengruppen betrieben und öffnen nur an bestimmten Terminen, typischerweise an Sonntagnachmittagen im Sommer und an den nationalen Denkmaltagen; vor der Anreise lohnt also ein Blick auf die Öffnungszeiten. Die Entfernungen sind kurz: Die Mühlen des Weald um Cranbrook und Rolvenden lassen sich gut an einem Tag verbinden, die Ostkent-Runde um Canterbury, Herne, Sarre, Sandwich und Margate an einem weiteren. Auch die Kuriositäten sollte man nicht auslassen, etwa die sechseckige Smock Mill am Cricketplatz von Meopham im Westen der Grafschaft – ein Beleg dafür, dass sich nicht jeder Mühlenbauer ans Achteck hielt. Festes Schuhwerk empfiehlt sich, denn der Aufstieg über steile Leitern durch die Böden einer Mühle, vorbei an Mahlsteinen und mächtigem hölzernem Räderwerk, ist der eigentliche Höhepunkt jedes Besuchs.
Auf der Karte
Alle hier erwähnten Mühlen und viele weitere kentische Überlebende finden Sie auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie in die Grafschaft hinein und stellen Sie Ihre eigene Route zwischen weißen Holztürmen und Bockwindmühlen zusammen, vom Weald bis zu den Kreidefelsen; über die Markierungen gelangen Sie direkt zu den Details jeder Mühle. Kent belohnt langsames Reisen – und die Karte ist der beste Ausgangspunkt für die Planung.