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Windmühlentour über Anglesey: Die Turmstümpfe von Wales

Wer über die Landstraßen von Anglesey fährt, begegnet ihnen unweigerlich: gedrungene Steinkegel auf sanften Anhöhen, ohne Haube, ohne Flügel, oben offen gegen den Himmel. Es sind die Turmstümpfe von Ynys Môn, wie die Insel auf Walisisch heißt — die Überreste einer Windmühlenlandschaft, die in Wales ihresgleichen sucht. Keine andere Gegend des Landes hat je so konsequent auf Windkraft gesetzt, und nirgendwo sonst in Großbritannien lässt sich eine komplette Mühlenlandschaft so eindrücklich in ihrer verstümmelten Form erleben. Diese Tour führt quer über die Insel: von der einzigen Mühle, die sich noch dreht, bis zum seltsamsten Turm von allen, hoch oben auf einem Kupferberg.

Eine Insel voller Wind und Getreide

Anglesey liegt vor der Nordwestküste von Wales, nur durch die schmale Menai-Meerenge vom Festland getrennt. Während sich drüben die Felsmassive von Eryri (Snowdonia) auftürmen, ist die Insel selbst flach, sanft gewellt und vergleichsweise fruchtbar. Seit dem Mittelalter trägt sie den Beinamen Môn Mam Cymru — Môn, die Mutter von Wales —, überliefert durch den Chronisten Gerald von Wales im zwölften Jahrhundert. Der Name war wörtlich gemeint: Die Kornfelder der Insel, auf denen vor allem Hafer und Gerste, daneben auch Weizen wuchsen, ernährten weit mehr Menschen als nur die eigenen Bewohner. All dieses Getreide musste gemahlen werden, und dafür brauchte es Kraft. Die Bäche der Insel sind jedoch kurz und träge und versiegen in trockenen Sommern; an reißende Gebirgsflüsse wie auf dem Festland war nicht zu denken. Was Anglesey dagegen im Überfluss besitzt, ist Wind. Ungeschützt in der Irischen See gelegen, fängt die Insel jedes Wettersystem ab, das vom Atlantik heranzieht. Das offene, niedrige Land, das den Ackerbau begünstigte, machte die Insel zugleich zum idealen Windmühlenrevier: Schon ein flacher Hügel genügte, um den Flügeln freien Wind aus allen Richtungen zu sichern.

Fünfzig Türme aus Stein

Ab dem achtzehnten Jahrhundert investierten Gutsherren und Müller mit erstaunlichem Eifer in die Windkraft, und in den Kirchspielen der Insel wuchsen die Mühlentürme geradezu in Serie aus dem Boden. Bestandsaufnahmen des industriellen Erbes verzeichnen rund fünfzig Windmühlenstandorte auf Anglesey — für eine walisische Grafschaft eine bemerkenswerte Dichte und der Grund, weshalb heute noch so viele Stümpfe zu sehen sind. Gebaut wurde fast ausnahmslos in Stein: Die Anglesey-Mühle war eine Turmwindmühle aus örtlichem Bruchstein, mit Kalkmörtel gefügt, mit mächtigen, sich nach oben verjüngenden Mauern, die den Stürmen der Irischen See standhielten. Viele Türme wurden weiß gekalkt, andere gegen den Regen dunkel geteert. Obenauf saß eine drehbare Haube mit der Flügelwelle, die stets in den Wind gestellt werden konnte. Im Inneren folgte alles dem klassischen Aufbau der Kornmühle: Das Getreide wurde unter das Dach gehievt, rieselte durch Rumpf und Schuh auf die Mahlsteine und wurde ein Stockwerk tiefer als Mehl aufgefangen. Hölzerne Bockwindmühlen, wie man sie aus dem englischen Flachland kennt, gab es hier praktisch nicht — Anglesey baute für die Ewigkeit.

Auch die Namen gehören zum Reiz dieser Mühlen. Melin ist das walisische Wort für Mühle, und die Türme der Insel heißen Melin Llynnon oder Melin y Bont — Namen, die jeden Turm mit seinem Hof, seiner Brücke, seinem Weiler verknüpfen. Selbst wo nur noch eine Ruine steht, lebt der Name oft auf der Landkarte weiter und hält die Erinnerung an das Müllerhandwerk in der Sprache der Insel wach.

Melin Llynnon: wo sich noch Flügel drehen

Eine einzige Windmühle auf Anglesey ist dem Schicksal aller anderen entkommen. Melin Llynnon bei Llanddeusant im Nordwesten der Insel wurde in den 1770er Jahren als Kornmühle errichtet und arbeitete durch die große Zeit des Mühlenwesens hindurch. Wie ihre Nachbarinnen verstummte auch sie schließlich und verfiel — doch im späten zwanzigsten Jahrhundert nahm sich die Kommunalverwaltung ihrer an und ließ sie vollständig restaurieren: Turm, Haube, Flügel und Mahlwerk. Seit der Restaurierung in den 1980er Jahren gilt sie als die einzige funktionsfähige Windmühle in ganz Wales und mahlt bei gutem Wind steingemahlenes Vollkornmehl, genau wie zu Zeiten ihrer ersten Müller.

Für jede Windmühlentour über Anglesey ist Llynnon der unverzichtbare Auftakt, denn hier sieht man, wie einst jeder Stumpfturm der Insel ausgesehen hat. Der strahlend weiße Turm, die Haube, die vier großen Flügel, das Rumpeln der Steine bei kräftigem Wind — all das macht die gekappten Türme anderswo mit einem Mal lesbar. Das Gelände bietet zudem eine weitere Zeitschicht: Rekonstruierte eisenzeitliche Rundhäuser stehen neben der Mühle und erinnern daran, dass in diesem Winkel von Anglesey schon Jahrtausende vor dem ersten Flügelschlag Ackerbau betrieben wurde.

Der Fünfflügler auf dem Parys Mountain

Nicht jede Windmühle auf Anglesey mahlte Korn. Auf dem Gipfelgrat des Parys Mountain bei Amlwch im Nordosten der Insel steht die Hülle einer Mühle, die einem ganz anderen Herrn diente: dem Kupfer. Im späten achtzehnten Jahrhundert zählte der Parys Mountain zu den ergiebigsten Kupferbergwerken der Welt, und seine Gruben reichten tief genug, um voll Wasser zu laufen. Im neunzehnten Jahrhundert errichtete man deshalb auf dem Gipfel eine Windmühle, die gemeinsam mit Dampfkraft das Wasser aus der Grube pumpen half. Ungewöhnlich für Großbritannien trug sie fünf Flügel statt der üblichen vier. Das Räderwerk ist längst verschwunden, doch der kahle Steinturm krönt noch immer den Berg und überblickt eine Mondlandschaft aus ockerfarbenem, rostrotem und violettem Abraum. Es ist der dramatischste Windmühlenstandort in Wales — und wohl einer der eindrucksvollsten überhaupt.

Warum die Flügel stillstanden

Der Niedergang der Windmühlen von Anglesey folgte demselben Drehbuch wie fast überall in Großbritannien, nur mit maritimer Note. Ab dem späten neunzehnten Jahrhundert kam billiges Importgetreide per Schiff und Eisenbahn ins Land, und große dampfgetriebene Walzenmühlen in den Häfen lieferten feines Weißmehl zu Preisen, mit denen keine Dorfwindmühle mithalten konnte. Eine Mühle nach der anderen verlor ihre Kundschaft. Auch die Stürme forderten ihren Tribut: Eine beschädigte Haube oder ein zersplitterter Flügel kostete viel Geld, und wo die Einnahmen die Reparatur nicht mehr rechtfertigten, ließen die Müller den Wind gewinnen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war das Windmahlen auf Anglesey praktisch erloschen. Hauben und Flügel aus Holz verrotteten, stürzten herab oder wurden abgenommen; die steinernen Türme aber, für Jahrhunderte gebaut, blieben stehen. Daher das Wahrzeichen der Insel: der Stumpf. Mal klafft er mit offenen Tür- und Fensterhöhlen, mal trägt er ein flaches Dach und dient als Wohnhaus, Ferienunterkunft oder Lagerschuppen.

Die Stümpfe heute aufspüren

Der eigentliche Genuss einer Windmühlentour über Anglesey liegt im Suchen und Finden. Wer bei Melin Llynnon begonnen hat, lässt sich danach von den Stümpfen über die Insel leiten: Türme stehen an den Sträßchen um Llanddeusant, im Ackerland des Inselinneren bei Llangefni, entlang der Wege Richtung Holyhead im Westen und an der Küste hinauf nach Amlwch und zum Parys Mountain im Nordosten. Manche thronen weithin sichtbar auf Kuppen, andere verstecken sich hinter Hofgebäuden und zeigen sich erst in der letzten Kurve. Viele stehen auf Privatgrund — man bewundert sie also von Straßen und öffentlichen Fußwegen aus; der Küstenwanderweg rund um die Insel bietet mehrere schöne Blicke. Eine gute Landkarte gehört ins Gepäck: Wo das Wort Melin verzeichnet ist, lohnt sich fast immer ein Umweg.

Auf der Karte

Jede verortete Windmühle auf Anglesey — von den arbeitenden Flügeln der Melin Llynnon bis zum wildesten Ruinenstumpf — lässt sich auf unserer interaktiven Karte erkunden. Zoomen Sie auf die Insel und sehen Sie, wie dicht sich die Türme auf diesem kleinen Stück Wales drängen, planen Sie Ihre eigene Route von Stumpf zu Stumpf und rufen Sie zu jedem Marker die Details des Standorts auf. Und wer mag, zoomt anschließend hinaus und vergleicht die steinernen Stümpfe von Anglesey mit den Mühlenlandschaften der Niederlande, Dänemarks oder Griechenlands — kaum ein Vergleich zeigt deutlicher, wie sehr sich diese eine Insel den Wind zu eigen gemacht hat.