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Shirley Windmill in Croydon: Eine Turmwindmühle mitten im Londoner Vorort

Wer durch die Wohnstraßen von Shirley im Londoner Bezirk Croydon spaziert, rechnet mit Vorgärten, geparkten Autos und Hecken - nicht mit einer ausgewachsenen Windmühle. Und doch erhebt sich am Ende der kleinen Sackgasse Postmill Close ein konischer Turm aus Backstein, gekrönt von einer drehbaren Kappe mit Flügeln: die Shirley Windmill, die letzte erhaltene Windmühle Croydons und eine der ganz wenigen, die es im Großraum London überhaupt noch gibt. Das denkmalgeschützte Bauwerk wurde in funktionsfähigen Zustand zurückversetzt und erzählt heute von einer Zeit, in der hier draußen noch Kornfelder statt Reihenhäuser standen.

Ein Anachronismus zwischen Reihenhäusern

Der Reiz der Shirley Windmill liegt zunächst im Kontrast. Ringsum erstreckt sich typische englische Vorstadtbebauung des zwanzigsten Jahrhunderts, kilometerweit und weitgehend gleichförmig - und mittendrin ein Stück ländlicher Industriegeschichte, das älter ist als jedes Haus in Sichtweite. Die Mühle wurde nicht in die Siedlung hineingebaut; die Siedlung ist um die Mühle herumgewachsen. Genau das macht den Ort so lehrreich: Man kann hier ablesen, wie schnell aus Feldern Straßenzüge wurden, als London im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert über seine Ränder hinauswuchs. Dass der Turm diesen Wandel überstanden hat, ist alles andere als selbstverständlich. Unzählige Mühlen im Umland Londons wurden abgerissen, als sie unrentabel geworden waren und ihr Grundstück als Bauland mehr einbrachte als jedes gemahlene Korn. In Shirley kam es anders - dank Beharrlichkeit, öffentlichem Eigentum und später einer engagierten Bürgergruppe, die das Bauwerk bis heute betreut.

Shirley vor der Vorstadt

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war Shirley ein ländlicher Flecken zwischen Croydon und West Wickham: Felder, Heideflächen, verstreute Höfe. Die Bauern der Umgebung brauchten eine Mühle in erreichbarer Nähe, denn Getreidesäcke über schlechte Wege zu karren kostete Zeit und Geld. So entstand hier zunächst eine Bockwindmühle - jener ältere englische Mühlentyp, bei dem der gesamte hölzerne Mühlenkasten samt Mahlwerk auf einem mächtigen Mittelpfosten ruht und als Ganzes in den Wind gedreht wird. Der Name der heutigen Straße, Postmill Close, bewahrt die Erinnerung an diesen Vorgängerbau: post mill ist das englische Wort für Bockwindmühle. Jahrzehntelang mahlte die hölzerne Mühle das Korn der umliegenden Höfe und gehörte zu einem dichten Netz von Windmühlen, das sich überall dort um London spannte, wo eine Anhöhe oder ein freies Feld genügend Wind bot. Von all diesen Mühlen im Raum Croydon ist heute nur noch die in Shirley übrig.

Vom hölzernen Vorgänger zum Backsteinturm

Bockwindmühlen führten ein gefährliches Leben. Holzkonstruktion, Mehlstaub, schnell laufende Wellen und Zahnräder - ein heißgelaufenes Lager oder ein Blitzschlag genügten, und die Mühle stand in Flammen. Das Feuer war der große Mühlenvernichter Englands, und 1854 traf es auch Shirley: Die alte Bockwindmühle brannte nieder. An ihrer Stelle entstand kurz darauf ein moderneres Bauwerk, die heutige Turmwindmühle. Bei diesem Typ - in England tower mill genannt - dreht sich nicht mehr das ganze Gebäude, sondern nur noch die Kappe ganz oben, die Flügel und Flügelwelle trägt. Die Vorteile lagen auf der Hand: Backstein widersteht Feuer und Wetter weit besser als Holz, der feste Turm bietet auf mehreren Böden Platz für Korn und Mehl, und die größere Höhe hebt die Flügel in kräftigeren, gleichmäßigeren Wind. Zugleich war der neue Turm gewissermaßen ein Spätwerk seiner Gattung: Als er errichtet wurde, machte die Dampfkraft den Windmühlen bereits ernsthafte Konkurrenz, und in der Gegend um Croydon sollte danach keine Windmühle mehr gebaut werden.

Kappe, Flügel, Mahlgänge

Wer die Mühle an einem offenen Tag besichtigt, versteht das Gebäude am besten von oben nach unten. In der Kappe lagert die Flügelwelle, an der die Flügel sitzen. Turmmühlen dieser Epoche wurden üblicherweise von einer Windrose gesteuert - einem kleinen Windrad am hinteren Ende der Kappe, das jede Drehung des Windes registriert und die Kappe über ein Getriebe langsam nachführt, bis die Flügel wieder genau im Wind stehen. Ganz ohne Elektronik regelte sich die Mühle so selbst. Im Inneren treibt das große Kammrad auf der Flügelwelle den Bunkler an, der die stehende Königswelle im Kern des Turms in Bewegung setzt. Weiter unten überträgt das Stirnrad die Kraft auf die Mahlgänge: Über jedem feststehenden Bodenstein rotiert ein Läuferstein, zwischen beiden wird das Korn zerschnitten und zermahlen. Das Mehl rutscht durch Schütten auf die unteren Böden, wo es gesiebt und abgesackt wurde. Ein Sackaufzug, angetrieben von derselben Welle, hievte das Getreide nach oben, damit anschließend die Schwerkraft die Arbeit übernehmen konnte. Nichts an dieser Maschine ist Zierde - jeder Balken hat seine Aufgabe.

Das Ende der Windmüllerei

In den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts brach die wirtschaftliche Grundlage der Mühle weg. Billiges Getreide aus Übersee erreichte die Londoner Docks, wo riesige dampfgetriebene Walzenmühlen es schneller, günstiger und gleichmäßiger vermahlten, als es ein Mahlstein im Wind je könnte. Gleichzeitig fraß sich die Stadt nach außen: Eisenbahnlinien und Bauunternehmer verwandelten das Ackerland von Surrey und Kent in Vororte, und die Felder, deren Korn die Mühle von Shirley einst gemahlen hatte, verschwanden unter Ziegeln und Mörtel. Wie fast alle Windmühlen der Region konnte auch diese nicht mithalten; gegen Ende der viktorianischen Zeit endete der gewerbliche Mahlbetrieb. Im gesamten Großraum London wiederholte sich dieses Schicksal, und heute sind in der Hauptstadt nur noch wenige Windmühlen erhalten - darunter die Mühlen von Brixton, Wimbledon Common und Upminster. Dass ausgerechnet der Turm von Shirley seine eigene Epoche überdauert hat, verdankt er solidem Mauerwerk, glücklichen Umständen und später ganz bewusster Pflege.

Rettung durch Ehrenamt

Ausgediente Windmühlen erwartete meist eines von zwei Enden: Umbau oder Abriss. Die Shirley Windmill entging beidem. Im zwanzigsten Jahrhundert ging das Bauwerk in kommunales Eigentum über, und dieser Schutz bewahrte es, während ringsum die Vorstadt entstand. Wind und Wetter setzten Kappe, Flügeln und Holzwerk dennoch zu, und gegen Ende des Jahrhunderts war eine gründliche Instandsetzung unumgänglich. Eine große Restaurierung in den 1990er Jahren brachte die Mühle wieder in guten Zustand; Kappe und Flügel wurden erneuert, das Mahlwerk im Inneren konserviert. Der Denkmalstatus - die Mühle ist als Grade II gelistet - würdigt sie als seltene Zeugin der Londoner Mühlengeschichte. Mindestens ebenso wichtig wie die Bausubstanz sind die Menschen: Betreut und geöffnet wird die Mühle von den Friends of Shirley Windmill, einer ehrenamtlichen Fördergruppe, deren Mitglieder Führungen anbieten, Schulklassen empfangen und das Wissen um die Mühle in der Nachbarschaft lebendig halten. Ohne solche Freiwilligen überleben Bauwerke wie dieses selten.

Praktische Hinweise für den Besuch

Die Shirley Windmill ist kein täglich geöffnetes Museum, sondern ein ehrenamtlich betriebener Denkmalort. Besichtigt wird sie an angekündigten offenen Tagen, in der Regel an ausgewählten Sonntagen in der wärmeren Jahreshälfte sowie zu besonderen Anlässen wie dem landesweiten Mühlenwochenende im Frühjahr, wenn überall in Großbritannien Mühlen ihre Türen öffnen. Der Besuch erfolgt als Führung: Es geht vom Erdgeschoss hinauf durch die Arbeitsböden des Turms, und die Technik wird unterwegs anschaulich erklärt - verständlich für neugierige Kinder ebenso wie für eingefleischte Mühlenfreunde. Da der Turm in einer Wohnstraße steht, bitten die Betreiber um rücksichtsvolle Anreise; die aktuellen Termine sollte man vorab bei den Friends prüfen. Die Umgebung lohnt einen längeren Aufenthalt: Shirley grenzt an einige der schönsten Grünflächen Südlondons, und der bewaldete Aussichtspunkt der Addington Hills mit seinem Panorama über London liegt ganz in der Nähe. Kaum eine andere Hauptstadt bietet eine echte viktorianische Turmwindmühle in Reichweite einer Straßenbahnhaltestelle.

Auf der Karte

Die Shirley Windmill ist eine von Tausenden Mühlen auf unserer interaktiven Karte - von den letzten Windmühlen Londons bis zu Turm-, Bock- und Holländermühlen in ganz Europa und darüber hinaus. Öffnen Sie die map, zoomen Sie nach Croydon zum Turm am Postmill Close und folgen Sie dann den Markierungen nach außen: Es ist erstaunlich, wie viele Mühlen noch immer still am Rand der eigenen Nachbarschaft stehen.