Maud Foster Windmill: Sieben Stockwerke und fünf Flügel über Boston
Am östlichen Rand von Boston in der englischen Grafschaft Lincolnshire erhebt sich ein schlanker Backsteinturm sieben Stockwerke hoch über das flache Marschland, gekrönt von einer leuchtend weißen Haube und bestückt mit fünf Flügeln statt der üblichen vier. Das ist die Maud Foster Windmill, erbaut 1819 am Ufer jenes Entwässerungskanals, der ihr den Namen gab. Sie ist kein hinter Glas erstarrtes Museumsstück: Die Mühle dreht sich noch, mahlt noch Getreide zu Mehl und verdient ihren Unterhalt genau so, wie ihre Erbauer es vorgesehen hatten. Unter den erhaltenen Windmühlen Englands fällt sie gleich doppelt auf - durch ihre seltene Fünfflügel-Bauweise und durch ihre beachtliche Höhe, die sie zu einer der höchsten noch mit Windkraft arbeitenden Mühlen des Landes macht.
Eine Mühle für Kaufleute
Errichtet wurde die Maud Foster Windmill im Jahr 1819 für die Brüder Thomas und Isaac Reckitt, die in Boston mit Getreide und Saatgut handelten. Den Auftrag erhielt die Mühlenbaufirma Norman und Smithson aus Hull, jenseits des Humber in Yorkshire. Der Zeitpunkt war klug gewählt: Die Napoleonischen Kriege waren gerade zu Ende gegangen, die Fens rund um Boston waren durch Entwässerung zu einigen der fruchtbarsten Ackerböden Englands geworden, und der Hafen der Stadt schlug Korn in großen Mengen um. Eine hohe, leistungsfähige Mühle am Stadtrand, an einem schiffbaren Wasserlauf und nahe den wachsenden Straßen von Skirbeck, war ein solides Geschäft. Was Norman und Smithson ablieferten, war alles andere als eine gewöhnliche Dorfmühle: ein turmhoher Backsteinbau mit elegant geschwungener Verjüngung, ausgelegt für schweres Mahlwerk und eine außergewöhnlich große Flügelspannweite hoch über den Dächern.
Warum fünf Flügel?
Fast jede Windmühle der Vorstellungswelt hat vier Flügel, und die meisten englischen Mühlen hatten sie auch. Doch Lincolnshire wurde berühmt für seine Experimente mit ungewöhnlichen Flügelzahlen: Fünfflügler haben in der Grafschaft etwa in Alford und Burgh le Marsh überlebt, Sechsflügler wurden gebaut, und in Heckington steht bis heute Englands einzige erhaltene achtflügelige Turmmühle. Der Gedanke hinter fünf Flügeln ist ein gleichmäßigerer Kraftfluss: Mehr Flügel streichen kontinuierlicher durch den Wind und liefern den Mahlsteinen ein ruhigeres Drehmoment als vier, verbrauchen dabei aber weniger Holz und Eisen als sechs oder acht. Der Preis dafür liegt in der Wartung. Eine vierflügelige Mühle, die einen Flügel beschädigt, kann den gegenüberliegenden abnehmen und mit einem ausgewuchteten Paar weiterlaufen - ein Fünfflügler hat keinen gegenüberliegenden Flügel. Fällt einer aus, steht die Mühle bis zur Reparatur still. Dass die Eigentümer dieses Risiko eingingen, sagt viel über das Selbstvertrauen der Mühlenbauer von Lincolnshire aus.
Sieben Stockwerke voller Technik
Der Turm umfasst sieben Geschosse, und jedes hatte seinen Platz in einer durchdachten vertikalen Produktionskette. Getreidesäcke wurden mit einem Sackaufzug nach oben gezogen, der von der Flügelwelle angetrieben wurde - der Wind übernahm also selbst das Heben. Von den oberen Böden wanderte das Korn der Schwerkraft folgend nach unten: gereinigt, in Trichter geleitet, auf dem Steinboden zwischen Mühlsteinen vermahlen, auf den darunterliegenden Böden gesiebt und zu Mehlsorten sortiert und schließlich zu ebener Erde abgesackt. Ganz oben sitzt die zwiebelförmige Ogee-Haube, nach klassischer Lincolnshire-Art weiß gestrichen; sie dreht sich auf einem Kranz, damit die Flügel stets im Wind stehen. Eine Windrose hinter der Haube erledigt das automatisch: Dreht der Wind, fängt das kleine Flügelrad ihn ein und schwenkt die Haube nach. Im Inneren treibt die Flügelwelle das große Bremsrad an, das über Kammrad und Königswelle die Kraft durch den Turm hinab zu den Steinen und den Nebenmaschinen verteilt.
Der Kanal und der Name
Ihren Namen verdankt die Mühle weder einem Müller noch einer Müllersfrau, sondern dem Wasserlauf, an dem sie steht. Der Maud Foster Drain ist einer der vielen künstlichen Kanäle, die das tiefliegende Land um Boston trocken halten - Teil eines Entwässerungssystems, dessen Ursprünge bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückreichen. Der Überlieferung nach wurde der Kanal nach Maud Foster benannt, einer Grundbesitzerin, über deren Land der Graben gezogen wurde. Wie auch immer es sich genau zutrug: Ihr Name ging zuerst auf das Wasser über und Jahrhunderte später auf die Windmühle an seinem Ufer. Es ist eine sehr typische Namensgebung für die Fens - in dieser durch und durch konstruierten Landschaft sind Kanäle, Schleusen und Deiche die Fixpunkte der Geografie, und Gebäude beziehen ihre Identität von ihnen. Praktisch war die Lage obendrein, denn der Wasserweg bot in der Frühzeit der Mühle Transportmöglichkeiten für Korn und Mehl.
Von Bostoner Mehl zum Weltkonzern
Reich wurden die Brüder Reckitt mit ihrer Mühle nicht; der Mehlhandel des frühen neunzehnten Jahrhunderts war launisch, und die Geschäfte der Familie in Boston liefen schleppend. Doch die Geschichte hat ein bemerkenswertes Nachspiel. Isaac Reckitt zog schließlich nordwärts nach Hull, wo er 1840 eine Stärkefabrik übernahm. Aus diesem bescheidenen Anfang wuchs Reckitt and Sons, später Reckitt and Colman - einer der großen britischen Haushaltswarenhersteller, dessen Nachfolger heute schlicht Reckitt heißt und Reinigungs- und Gesundheitsprodukte in aller Welt verkauft. Kaum eine arbeitende Windmühle kann eine direkte Verbindung zu einem modernen Weltkonzern vorweisen. Der hohe Turm am Maud Foster Drain ist gewissermaßen der Urahn von Marken, die auf allen Kontinenten in den Regalen stehen - eine Erinnerung daran, dass Industrieimperien oft mit Korn, Wind und einer risikofreudigen Familie beginnen.
Niedergang und Rettung
Das zwanzigste Jahrhundert ging hart mit Englands Windmühlen um. Erst die Dampfkraft, dann die Walzenmüllerei, schließlich die Elektrizität nahmen ihnen das Geschäft, und Tausende verloren ihre Flügel, ihre Hauben und am Ende ihre Türme. Die Maud Foster Windmill arbeitete länger mit Windkraft als die meisten, doch auch sie verstummte irgendwann, und über Jahrzehnte blieb ihre Zukunft ungewiss. Ihre Rettung verdankt sie einer Mischung aus amtlicher Anerkennung und privater Hingabe. Die Mühle ist als Grade-I-Baudenkmal geschützt - die höchste Stufe in England, die außergewöhnlich bedeutenden Bauwerken vorbehalten ist. Im späten zwanzigsten Jahrhundert nahmen sich Eigentümer ihrer an, die entschlossen waren, sie wieder in Gang zu bringen, und eine akribische Restaurierung brachte Flügel, Haube und Mahlwerk in vollen Betriebszustand zurück. Was Besucher heute sehen, ist keine Rekonstruktion und keine leere Hülle, sondern ein echter Überlebender - instand gesetzt mit denselben Handwerkstechniken und Materialien, mit denen die Mühle einst errichtet wurde. Zimmerleute, Mühlenbauer und Steinschärfer, deren Wissen andernorts längst verloren ging, fanden hier wieder Arbeit, und jedes ausgetauschte Bauteil folgt dem Vorbild des Originals.
Eine arbeitende Mühle im 21. Jahrhundert
Die Maud Foster Windmill ist etwas zunehmend Seltenes: eine Windmühle, die wirklich mahlt. Wenn der Wind es zulässt, drehen sich die fünf Flügel, und die Steine mahlen Vollkornmehl, das an Bäcker und Hobbyköche verkauft wird - eine Produktionslinie, die 1819 begann und nie ganz abriss. An Öffnungstagen können Besucher durch die Stockwerke steigen, dem Mahlwerk bei der Arbeit zusehen und spüren, wie der ganze Turm unter Segeln leise vibriert - ein Erlebnis, das kein statisches Museum bieten kann. Aus den oberen Fenstern belohnt ein weiter Blick über Boston, auf den gewaltigen mittelalterlichen Kirchturm von St Botolph, den berühmten Boston Stump, und auf die spiegelflachen Fens, die sich bis zur Bucht The Wash erstrecken. Wer dort oben steht, den Duft frisch gemahlenen Korns in der Nase und das Rumpeln des Bremsrads über dem Kopf, versteht sofort, warum Menschen ihr Leben der Aufgabe widmen, solche Orte lebendig zu halten. Eine Mühle, die arbeitet, erzählt ihre Geschichte eben ganz anders als eine, die nur noch dasteht.
Auf der Karte
Die Maud Foster Windmill ist eine von Hunderten historischen Mühlen, die Sie auf unserer interaktiven Karte entdecken können. Zoomen Sie nach Boston, um den fünfflügeligen Turm an seinem Kanal zu finden, und wandern Sie dann durch Lincolnshire, um ihn mit den anderen mehrflügeligen Überlebenden der Grafschaft zu vergleichen, von Alford bis Heckington. Hinter jedem Marker wartet eine Geschichte wie diese - von Wind, Korn und den Menschen, die beides zu nutzen wussten.