Windmühlenland Lancashire: Eine Tour zu den Turmmühlen der Fylde-Küste
Wer in England nach Windmühlen sucht, denkt zuerst an Norfolk oder Kent — kaum jemand an Lancashire, das Land der Baumwollspinnereien und Dampfmaschinen. Und doch liegt im Westen der Grafschaft, zwischen der Mündung des Ribble und der weiten Bucht von Morecambe, eine Ebene, die vor gut hundert Jahren derart dicht mit Mühlen besetzt war, dass der Schriftsteller Allen Clarke ihr den Namen Windmill Land gab: das Fylde. Die gemauerten, weiß getünchten Türme standen dort über Hecken und Entwässerungsgräben wie Leuchttürme des Binnenlandes. Heute sind nur noch wenige erhalten — aber darunter einige der eindrucksvollsten Turmmühlen Nordenglands.
Eine Ebene wie geschaffen für den Wind
Das Fylde ist auffallend flach: Weideland und trockengelegtes Moor, kaum über dem Meeresspiegel, ohne jede Erhebung zwischen den Feldern und der offenen Irischen See. Der Wind, der hier vom Meer hereinstreicht, findet keinen Widerstand — und genau das machte die Gegend zum Mühlenland. Während das übrige Lancashire seine schnellen Flüsse für Wassermühlen und später für die Industrie nutzte, fehlte der westlichen Ebene das Gefälle. Was sie hatte, war Getreide von den Höfen und ein fast nie ruhender Wind. Seit dem Mittelalter vermehrten sich die Mühlen, und im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert bildete sich der typische Fylde-Typus heraus: ein konisch zulaufender Turm aus heimischem Ziegel, oft verputzt und strahlend weiß gekalkt, gekrönt von einer drehbaren Haube mit den Flügeln.
Warum die Turmmühle das Rennen machte
Die Turmmühle löste ein altes Problem auf elegante Weise: Wie hält man die Flügel im Wind, ohne das ganze Gebäude drehen zu müssen? Bei der älteren Bockwindmühle drehte sich der komplette hölzerne Kasten um einen zentralen Pfosten — bei der Turmmühle dreht sich nur noch die Haube mit dem Flügelkreuz, während der massive Turm darunter feststeht und Platz für Lager- und Arbeitsböden bietet. Viele spätere Mühlen erhielten zusätzlich eine Windrose, ein kleines Windrad hinter der Haube, das die Flügel selbsttätig in den Wind dreht, sobald dieser umspringt. An einer Küste, an der aus einer Brise binnen Stunden ein Sturm werden kann, war diese Selbststeuerung Gold wert. Die Mühlen des Fylde waren ernsthafte Industriebauten: Mehrere Mahlgänge, angetrieben von einer einzigen Flügelwelle, verarbeiteten Hafer und Weizen für die Bauernschaft und später Futterschrot für das Vieh.
Marsh Mill in Thornton: der Riese der Ebene
Das unbestrittene Herzstück jeder Mühlentour durch Lancashire ist Marsh Mill in Thornton, wenige Meilen nördlich von Blackpool. Der Mühlenbauer Ralph Slater errichtete sie 1794 im Auftrag des Grundherrn Bold Fleetwood Hesketh, und sie zählt bis heute zu den höchsten erhaltenen Turmmühlen Englands: ein weißer Turm über mehrere Arbeitsböden hinweg, bekrönt von einer bootsförmigen Haube mit vollständigem Flügelkreuz. Als Kornmühle arbeitete Marsh Mill bis ins zwanzigste Jahrhundert, ehe sie stillgelegt und später sorgfältig restauriert wurde — ein Großteil der Maschinerie ist erhalten. Besucher können vom Erdgeschoss, wo einst die Säcke gewogen und verladen wurden, über den Mahlboden mit seinen Mühlsteinen bis hinauf zur Haube steigen. Die Mühle steht unter Denkmalschutz hoher Kategorie, und das kleine Ladendorf, das um ihren Fuß gewachsen ist, hält sie mitten im Leben, statt sie als Museumsstück im Feld stranden zu lassen.
Lytham: die weiße Mühle auf dem Green
Am Südrand des Fylde, wo die Ebene auf die Ribble-Mündung trifft, steht die meistfotografierte Windmühle Lancashires. Lytham Windmill erhebt sich auf dem Lytham Green, einem breiten Grasband zwischen Stadt und Ufer, umgeben von nichts als Himmel, Wasser und dem alten Rettungsbootshaus nebenan. Die Mühle stammt aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert — meist wird sie auf etwa 1805 datiert — und entstand auf Land der Familie Clifton, der Gutsherren von Lytham, um Korn für den Ort zu mahlen. Ihr Arbeitsleben endete jäh, als 1919 ein Brand das Innere zerstörte. Der Turm aber wurde gerettet, neu behaubt und wieder mit Flügeln versehen; heute beherbergt er ein kleines Museum zur Geschichte der Mühle und des Müllerhandwerks an dieser Küste. Mit ihrem leuchtend weißen Putz vor dem Grün ist sie zum Wahrzeichen der Stadt geworden — sie taucht auf Ortsschildern ebenso auf wie auf unzähligen Urlaubsfotos, und an klaren Abenden, wenn die Sonne über der Ribble-Mündung untergeht, gehört der Blick über das Green mit der Mühle im Gegenlicht zu den schönsten Momenten der ganzen Küste.
Little Marton und das Denkmal für einen Schriftsteller
An der östlichen Einfahrt nach Blackpool, direkt an der vielbefahrenen Preston New Road, steht Little Marton Mill, ein kompakter weißer Turm von 1838. Gemahlen wird hier längst nicht mehr, doch die Mühle trägt eine besondere Aufgabe: Sie ist als Denkmal für Allen Clarke erhalten, jenen Journalisten und Autor aus Lancashire, dessen Buch Windmill Land von 1916 die Mühlen des Fylde feierte — just in dem Moment, als sie zu verschwinden begannen. Clarke fuhr mit dem Fahrrad die Feldwege der Ebene ab, notierte Mühlen, Müller und ihre Geschichten, und seine liebevollen Schilderungen prägten das Bild des Fylde als Englands vergessenes Windmühlenland. Dass ausgerechnet eine Windmühle einem Schriftsteller als Denkmal dient, hat seine eigene Logik: Kaum eine Landschaft verdankt ihr Gedächtnis so unmittelbar der Feder eines einzelnen Enthusiasten. Ehrenamtliche pflegen die Mühle und öffnen sie an ausgewählten Tagen.
Die verschwundene Mehrheit
Auf jeden erhaltenen Turm kamen einst mehrere verlorene. Dörfer überall in der Ebene — Pilling, Singleton, Staining, Weeton, Wrea Green, Clifton und viele andere — besaßen eigene Mühlen, und ältere Karten des Fylde sind mit Mühlensymbolen übersät. Manche Türme stehen noch gekappt oder ohne Haube, zu Wohnhäusern umgebaut, mit runden Zimmern und geschwungenen Treppen; andere wurden abgerissen, als ihr Gewerbe starb. Der Niedergang kam schnell, im späten neunzehnten Jahrhundert: Dampfbetriebene Walzenmühlen in den Häfen mahlten importierten Weizen weit billiger, als es eine Dorfmühle je konnte, und der Getreidehandel wanderte nach Liverpool und in die großen Industriestädte ab. Sturmschäden — an dieser exponierten Küste allgegenwärtig — wurden zum Anlass aufzuhören statt zu reparieren. Als Allen Clarke sein Buch schrieb, standen die meisten der beschriebenen Mühlen bereits still.
Die Tour planen
Die erhaltenen Mühlen liegen nah genug beieinander, um sie bequem an einem Tag zu besuchen. Eine natürliche Route führt von Lytham an der Ribble-Mündung nordwärts durch Blackpool, mit einem Halt an der Little Marton Mill, weiter zur Marsh Mill in Thornton — und mit Abstechern ins Binnenland, um in den Dörfern der Ebene umgebaute Türme aufzuspüren. Das flache Gelände, das einst den Müllern diente, dient heute den Radfahrern ebenso gut, und die stillen Sträßchen zwischen Kirkham, Wrea Green und Singleton vermitteln eine Ahnung von dem Land, durch das Clarke vor gut hundert Jahren radelte. Jede Mühle erzählt einen anderen Teil derselben Geschichte: Marsh Mill die Technik, Lytham den Bürgerstolz, Little Marton das Erinnern. Wer die Tour verlängern möchte, kombiniert sie mit einem Spaziergang an der Promenade von Lytham St Annes oder mit dem Kontrast schlechthin: dem Blackpool Tower, jenem stählernen Wahrzeichen des Vergnügungszeitalters, das die Windmühlen einst in den Schatten stellte. Nebeneinander betrachtet erzählen Turmmühle und Aussichtsturm ziemlich genau, wie sich diese Küste innerhalb weniger Jahrzehnte vom Kornland zum Seebad wandelte. Am lohnendsten ist die Tour an einem klaren, windigen Tag — dann versteht man ohne weitere Erklärung, warum ausgerechnet hier die Mühlen standen.
Auf der Karte
Alle hier genannten Mühlen — und dazu die vielen weiteren erhaltenen Türme, Stümpfe und umgebauten Mühlen in Lancashire und dem Nordwesten Englands — finden Sie auf unserer interaktiven Karte. Zoomen Sie an die Fylde-Küste zwischen Ribble und Morecambe Bay, um das alte Windmill Land selbst nachzuzeichnen, klicken Sie auf die Marker für Details und Fotos, und planen Sie damit Ihre eigene Tour vom Lytham Green bis zum großen Turm von Thornton.